Wie stark angeschlagen ist der Zeitgeist?
 

Wie stark angeschlagen ist der Zeitgeist?

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Kommentar von Walter Braun.

In der September-Ausgabe von Psychologie heute finden sich einige interessante Artikel. In der Titelgeschichte geht es um zunehmenden Narzissmus. Klatschmagazine voller eitler Stars, tragbare Musik zur Totalabkapselung, virtuelle Freundschaften auf Facebook – der Ich-für-mich-Zeitgeist quillt vor Angeboten über.

Die Werbung macht munter mit: Endlose Darstellungen von attraktiven Einzelpersonen, die verliebt mit einem Produkt ‚turteln‘ oder sich aufdringlich in Szene setzen. Und dann das Net, ein Selbstdarstellungsmedium par excellence: All die Beleidigten und Talentlosen kommen in voller Montur ans Tageslicht und feuern Fotos, Videos,Texte von und über sich in die Welt hinaus. Ein weiterer Artikel in dem vorhin erwähnten Magazin beschäftigt sich mit den wachsenden Verfolgungsängsten. Natürlich nimmt Paranoia in Krisenzeiten zu. Aber es ist nicht die Rezession alleine. Dass zurzeit so viel Misstrauen unter den Menschen grassiert, hat mit einer Reihe von Faktoren zu tun.

Vier stechen hervor: starke Einwanderung, soziale Isolation, rapide Verstädterung der Welt sowie negative Berichterstattung in Medien, denen man immer weniger entgehen kann. Die Isolation wiederum geht auf den Narzissmus zurück. Selbstverliebte Menschen sind nicht zu echten Beziehungen bereit, weshalb die Zahl der Single-Haushalte drastisch angewachsen ist (beispielsweise in England in den vergangenen 50 Jahren um 400 Prozent!).

Kein Wunder, dass der britische Philosoph Theodore Zeldin soziale Isolation als für unsere Zeit kennzeichnend diagnostiziert. Menschen sind allerdings anhängliche Wesen, denen Vereinsamung zusetzt – auch wenn sie sich noch so sehr hinter beruflichem Erfolgverstecken, sich mithilfe von Konsum ablenken und in virtuelle Welten flüchten. Bereits vor zehn Jahren klagte der US-Soziologe Robert Putnam in seinem Buch Bowling Alone, dass individualisierte Medien Kommunikation von Angesicht zu Angesicht verarmen lassen.

Der sozialen Atomisierung versuchen neue Bewegungengegenzusteuern. In London lädt die „School of Life“ zu monatlichen „Gesprächs-Abendessen“ein. Theodore Zeldin wiederum organisiert diverse „Feast of Strangers“. Letzthin trafen sich daein paar Hundert Fremde im Hyde Park, denen bloß ein paar Konversations-Eisbrecher (z.B. „Was wissen Sie über die Liebe?“ oder „Wo hört Ihr Mitgefühl auf?“) zur Seite standen. In Brighton findet demnächst ein „Open House Dining“ statt, wo Amateurköche eine Nacht lang für jeweils vier bis sechs ihnen Unbekannte ein Menü kochen.

Es wächst die Sehnsucht nach ehrlichen Begegnungen, bei denen die Gesprächspartner ihre sozialen Masken ablegen. Das Internet springt helfend ein: citysocialising.com offeriert 100.000 potenzielle Freunde in 50 britischen Städten. Leider animiert das Web auch zu Geschäftemacherei: Bei rentafriend.com kann man um 10 bis 20 Euro pro Stunde Gesprächspartner mieten …Lesetipp: John Cacioppo: Loneliness – Human Nature and the Need for Social Connection (2009)

Walter Braun
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