Wie (man mit) Radio überlebt
 

Wie (man mit) Radio überlebt

Kolumne von Walter Braun

Sommer ist’s, und man hört von ­Baustellen und Badeplätzen und aus Cabrios Radios ertönen. Der Eindruck täuscht aber – das Medium ist unter Druck. Die Hoffnung auf Wiederbelebung durch Digitalfunk hat sich nicht recht erfüllt. Zwischenzeitlich haben wir von Satellitenradio bis zu Internetradio diverse Experimente erlebt, die die Frage nahelegen: Was kennzeichnet eigentlich dieses Medium? Sicher nicht automatisierte Abspielstationen: Das sind Jukeboxen, kein Radio.

Das mechanistische Denken, das diese Entwicklung vorangetrieben hat, ist im Abflauen. Wie sich gezeigt hat, sind Moderatoren und kuratierte ­Musikauswahl nicht so einfach durch Algorithmen zu ersetzen. Apple, die mit ihrem iTunes-Laden beziehungsweise einem Musik-Streamingangebot dem Radio das Wasser abgraben, legt eine Kehrtwende ein: Der Radiosender „Beats 1“ wird DJs einsetzen und Stars als Präsentatoren anheuern; selbst die Musikauswahl wird von Kennern auf regionale Vorlieben und Genres hin abgestimmt. Nix Computer.

Die Ausrichtung auf menschliche Qualitätseinschätzung dürfte eine Trendwende im Silicon Valley andeuten – Big Data ist nicht länger das Ein und Alles. Gehirne sind immer noch besser, wenn es zur Schaffung oder Beurteilung von kreativen Inhalten kommt.

Wenn nun voll automatisierte Mu­sikabspielstationen ein menschliches Element erhalten, könnte dies etablierte Radiostationen die Kundschaft kosten. Die Hörerzahlen sinken seit Jahren, Teenager starren allesamt auf Smartphones oder Tablets; ein Radio besitzen bestenfalls 15 Prozent. Das Medium funkt also für eine ­alternde Hörerschaft ohne Nachwuchs. Eine absurde Situation: Auf der ­einen Seite bringt Apple Music das ­Medium auf eine globale Bühne (700 Millionen iPhones weltweit). Auf der anderen Seite werden den existierenden Sendern Hörer und Werbeeinnahmen abhanden kommen, da ­Wer­betreibende dem Publikum hinterhereilen müssen. Rasch lancierte, regionale Botschaften, sagte kürzlich einer der größten Auftraggeber im britischen Radio, platzieren wir nun auf Facebook.

Für Musikschaffende ist ein globaler Radiosender nicht unbedingt eine Lösung, solange die Vergütungen dermaßen lächerlich sind. Beispiel: Ein Songschreiber erhielt vom BBC Radio 1 für das sechsmalige Abspielen eines Liedes circa 100 Euro; für 12 Millionen (!!) Mal Abhören auf YouTube 85 Euro. Für Künstler ist es überlebenswichtig, zu klären, was Rundfunk im Online-Zeitalter bedeutet. Eine Neudefinition sollte Streaming-Anbieter wie Spotify oder „Beats 1“ mit denselben Vergütungssätzen belegen, wie sie Radiostationen an Verwertungsagenturen zu bezahlen haben. Das ist der einzige Weg, wie Musikschaffende überleben können …

[Walter Braun]  
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