Wie gut kennen Sie Ihren digitalen Doppelgäng...
 

Wie gut kennen Sie Ihren digitalen Doppelgänger?

Kommentar von Walter Braun

Kann sich noch jemand an Steven Spielbergs aufregenden Film „Minority Report“ erinnern? Kam genau vor zehn Jahren in die Kinos und schilderte die Welt im Jahre 2054, wo die Polizei mithilfe übersinnlich begabter Medien versucht, Verbrechen zu verhindern, ehe sie begangen werden. Ein interessantes Thema, da im Hintergrund die philoso­phische Frage steckt, ob unser Tun vorherbestimmt ist oder ob wir – zumindest in der moralischen Sphäre – einen freien Willen besitzen.

Dasselbe Thema, allerdings primitiver, hat die aktuelle US-TV-Serie „Person of Interest“ aufgegriffen. Sie spielt in der Gegenwart, und die Vorhersagen menschlichen Verhaltens erfolgen nicht länger durch Hellseher, sondern durch eine Maschine – ­einen Supercomputer, der an alle Datenbanken ­andockt, der allgegenwärtige Kameras und routinemäßig abgehörte Telefonate anzapft und auf komplexe Parameter hin auswertet. Unwahrscheinlich? Nicht für die Anhänger von Big Data. Es gibt ein ­rasant wachsendes Forschungsfeld namens „Predictive Analytics“, das sind Vorhersageanalysen aus bestehenden Datenmustern plus spekulativen Einschätzungen auf der Basis mathematischer Modelle. Auch die Vermarktungsbranche ist via „Predictive Consumer Analytics“ mit von der Partie.

Alles natürlich viel harmloser als die filmischen Zukunftsszenarien. Tatsache ist aber, dass hier eine Parallelwelt entsteht, die nichts weniger versucht, als die Realwelt in Daten abzubilden. Und das inkludiert unser Verhalten. Ein scheinbar absurdes Unterfangen, wäre nicht in vielen psychologischen Studien nachgewiesen worden, dass menschliche Reaktionen oftmals vorhersagbar sind (siehe auch Lesetipp unten).
In den USA ist mit „e-scores“ still und heimlich ein Online-Bewertungssystem eingeführt worden, das die finanzielle Potenz eines jeden Verbrauchers aus verfügbaren Online-Transaktionen ­eruiert, wobei hier auch bisher unübliche Bewertungen wie Einkommen sowie der Wert von Wohnungseigentum und Ausgaben für Luxusprodukte einfließen. Ziel: Unsere geplanten Kaufwünsche vorherzusagen, noch ehe sie uns selbst bewusst sind.

Als Vermarkter würde ich natürlich gerne Preisaktionen nur jenen Interessenten vorbehalten, von denen ich annehmen kann, dass sie profitable Kunden und nicht Verlustbringer werden. Genau so geht die US-Firma TruSignal (Tochter des Datengiganten eBureau) vor, wenn sie Werbetreibenden vorschlägt, welche prospektiven Kundenamen sie kaufen beziehungsweise bewerben sollten. Das kann massive Folgen haben: Wer das Pech eines niedrigen „e-score“ hat, wird vermutlich kein Darlehen erhalten; stattdessen eventuell obszöne Angebote von Kredithaien. Und keine Ahnung haben, wie ihm geschieht. Willkommen in der digitalen Klassengesellschaft …

Lesetipp: Wer auf den letzten Stand des Wissens über menschliches Verhalten mit all seinen vorhersagbaren Schwächen kommen will, sollte das meines Erachtens bedeutendste Psychologiebuch, das je verfasst wurde, intensiv studieren, nämlich „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman (Siedler Verlag).

[Walter Braun]
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