Wer spricht noch die Wahrheit?
 

Wer spricht noch die Wahrheit?

Kolumne von Walter Braun

Vergangenes Wochenende beklagte ein Zeit-Autor, dass Facebook und Twitter sich immer mehr wie Medien benehmen. Das berge die Gefahr, dass Medienkonsum via Sozialnetzwerk zu einer ,myopischen‘ Weltsicht führe. Konkret werden die Verfahren, welche Meldungen in den Nachrichtenstrom eingeschleust werden, kritisiert.

In der Tat erfolgt die Nachrichtenauswahl nicht nach Einschätzung eines Redaktionsteams, sondern mittels Rechenverfahren. Dabei gibt es zwei Kriterien: aktuelle Trends und persönliche Präferenzen, abgelesen aus dem bisherigen Online-Verhalten. Das Motiv hinter der Auswahl ist klar: Man will die werte Kundschaft bei Laune und im eigenen Medium halten. Das erscheint dem Zeit-Kommentator als zu mundgerecht; ‚Nachrichten als Nachtisch‘ schmeckt ihm nicht.

Aufgrund der Filter, so die Beschwerde, komme am Ende eine reduzierte/verzerrte Abbildung der Welt heraus. Gilt das nicht ebenso für Medien mit einer politischen Grundhaltung? Wie oft erwähnt die Zeit Rechtsaußen-Protestbewegungen lobend?
Wenn die Konkurrenz nur einen Klick entfernt ist, muss man die eigene Anhängerschaft pflegen. Die monolithische Gesellschaft, die mit zwei TV-Kanälen und einer Zeitung das Auslangen fand, gibt es nicht mehr. Die großstädtische Gemeinschaft ist in viele Stämme zersplittert. Nur ist erklärbar, warum ein Kulturmagazin wie The Atlantic jüngst eine himmelschreiende Geschichte veröffentlichte, in der im Grunde die Juden Europas zum Verlassen des Kontinents aufgefordert werden, weil sie hier nicht mehr sicher seien. Der selbstherrliche Autor ortet überall Judenhass (er verwendete sogar das deutsche Wort). Hat er 740 Millionen Europäer befragt? Ein dumpfes Vorurteil hingerotzt, weil man die ­Leser Tag für Tag mit erfundenen ­Sexismus-, Rassismus- und Vergewaltigungsepidemien bei der masochistischen Laune halten möchte.

Einseitige Medien sind ein alter Hut. Warum also sollten Soziale Medien hier böser sein? Wer Interesse an einer ausgewogenen Sichtweise hat, musste auch bisher zu mehreren Quellen greifen. Das ist dem Interessierten im Web wohl nicht verwehrt. Und wem es genügt, aus dem Augenwinkel auf Headlines zu schielen, der wird im FB-Newsfeed keineswegs schlechter bedient sein als im Teletext.

Vermutlich ist die Sorge eine andere: Wie die aktuelle Erhebung „How Millennials Get News“ gezeigt hat, haben die Jungen in Amerika keinen Bezug mehr zu nationalen Tageszeitungen. Sie holen sich ihre Nachrichten via Facebook, gefolgt von YouTube, Instagram und reddit. Wenn sie mehr wissen wollen, googeln sie. Da – und nur da – hat eine vertraute Medienmarke eine Chance, direkt angesteuert zu werden. Das Internet hat doch glatt die bevormundenden Oberaufseher hinfällig gemacht …

[Walter Braun
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