Wenn der Apfel zu weit vom Stamm fällt …
 

Wenn der Apfel zu weit vom Stamm fällt …

Kolumne von Walter Braun

Wie sicher viele Leser bemerkt haben, ist der größte Markenartikler der Welt seit Oktober 2012 an der Börse ziemlich abgestürzt. Ungewöhnlich, da im selben Zeitraum die Märkte munter in die Höhe gingen. „Ist Apple neunmalklug?“, fragte kürzlich gereizt ein Newsweek-Artikel. Anlass war der erstmalige Canossagang eines Apple-Chefs vor einen amerikanischen Untersuchungsausschuss, gebildet aufgrund der massiven Steuerhinterziehung der größten und reichsten Unternehmen Amerikas.

Einst stellte Henry Ford mit eiserner Logik fest: Wenn ich meine Angestellten gut bezahle, dann können sie sich ein Auto leisten, mein Absatz wird sich vervielfachen, was wiederum billigere Produktion ermöglicht … Das Wunder des Kapitalismus. Als 2007 die US-Wirtschaft infolge gigantischer Fehlspekulationen abstürzte, waren Nettoverlust bei Arbeitsplätzen und anhaltender Druck auf bestehende Löhne die Folge. Realeinkommen können mit der Inflation nicht länger Schritt halten, die Kaufkraft schrumpft beständig. Das beweist eine brutale Statistik: In den USA betrug der Anteil der Arbeitseinkommen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion 2001 49 Prozent; 2012 war dieses Kuchenstück auf 43,5 Prozent geschrumpft. Das US-Bruttonationalprodukt beträgt zurzeit circa 15.900 Milliarden Dollar. Ein Prozentpunkt sind fast 160 Milliarden Dollar. US-Haushalten sind in den vergangenen zwölf Jahren bis zu 900 Milliarden Dollar abhanden gekommen.

Im Februar gelangte eine E-Mail an die Öffentlichkeit, in der ein Walmart-Chef verwundert fragte: „Wo sind all die Kunden hin? Und wo ist all ihr Geld?“ Die Antwort ist: Zwischen 2008 und 2012 explodierten die Gewinne der US-Unternehmen (+77 Prozent!). Beinahe alles davon existiert als Bargeld und ist in Steueroasen in Übersee gebunkert. ­Microsoft, Google, HP, Starbucks – die größten Unternehmen und Verbrauchermarken der Welt treiben dieses Spiel. Gleichzeitig sind die Konsumenten von unablässig steigenden Nahrungsmittel-, Energie- und Transportkosten getroffen, von steigenden Mieten und Steuern ganz zu schweigen. Stagnierende Realeinkommen + starke Inflation bei lebensnotwendigen ­Gütern = schrumpfender Konsum.

Werden Arbeitnehmer und Regierungen weltweit gegeneinander ausgespielt, können globale Unternehmen ihre Profite künstlich steigern; irgendwann kommt ihnen aber die Käuferschaft abhanden. Wenn finanzieller ­Erfolg statt auf Produktinnovation und Kundentreue auf einer überschlauen ­Finanzabteilung beruht, stellt sich der Kapitalismus infrage.

Um zur eingangs gemachten Beobachtung zurückzukehren: Apple schwächelt, weil viele treue Kunden sich die Produkte nicht länger leisten können und aufgrund der Steuereskapaden verärgert sind. Wenn der Apfel zu weit vom Stamm fällt, landet er auf unfruchtbarem Boden …

[Walter Braun]
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