Web kommt zusehends in einen Würgegriff
 

Web kommt zusehends in einen Würgegriff

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Kommentar von Walter Braun.

In den vergangenen Tagen erregte WikiLeaks weltweit Aufsehen mit der Veröffentlichung von Material, das nie zur Veröffentlichung bestimmt war. WikiLeaks-Gründer Julian Assange sah sich gezwungen, mit seiner Website Zuflucht bei der Schweizer Piratenpartei, die um Freiheit im Internet kämpft, zu suchen; seine alten Serverbereitsteller hatten den Zugang abgeklemmt.

Wo Politik und Kommerz aufeinandertreffen, ist ein Ringen um Kontrolle garantiert. Während wir entrüstet Richtung China fuchteln, wo allmächtige Behörden ungeniert Zensur üben, droht dem gesamten Net ein ähnliches Schicksal. Nicht bloß, weil Geheimdienste und das organisierte Verbrechen hemmungslos versuchen, überall Zugang zu erlangen– es ist die Natur des Web selbst, die sich ändert.

Das Internet ist drei Bedrohungen ausgesetzt:
(1) Überall entstehen große, abgeriegelte Zonen wie Facebook, iTunes oder all die kommerziellen Apps, die zwar die Architektur des Web für Updates nutzen, aber außerhalb agieren. Das heißt, in einigen Jahren könnte das Web stark fragmentiert sein: Wer Zugang zu Qualität haben will, muss entweder Mitglied sein (und jede Menge Daten über sich preisgeben) oder direkt bezahlen.

(2) Fraglich ist ferner, ob das Net für jeden gleich offen bleiben wird. Die Infrastruktur ist zunehmend kostspielig –wer bessere Übertragungsqualität oder werbefreie Zugangswege haben möchte („Premium Web“), wird künftig dafür vermutlich Geld auf den Tisch legen.

(3) Die Bedrohung durch Cyber-Terrorismus könnte Regierungen zu permanenter Online-Überwachung veranlassen.

Da wir extrem vom Web abhängig geworden sind, sind das nicht bloß akademische Überlegungen. Manche Paare überprüfen in der Früh zuerst ihre E-Mail, ehe sie einander „Guten Morgen!“ zurufen. Den ganzen Tag sind die Nachrichtensüchtigen bei allem, was sie tun, nur halb bei der Sache –ständig ist ein Auge oder Ohr abgelenkt und auf potenzielle Kontakte aus der Digitalwelt gerichtet. Psychologen haben das Syndrom registriert und reden von „fortwährend partieller Aufmerksamkeit“.

Man könnte auch „anhaltende Abwesenheit“ sagen, angesichts der vielen Zombies, die durch die Straßen schlurfen, geistesabwesend an ihre elektronischen Antennen geklammert. Kürzlich kündigten einige Stars an, zu Wohltätigkeitszwecken ihr tägliches Facebook- und Twittergequatsche einzustellen. Fans, die sie online wieder zum Leben erwecken wollten, mussten eine Spende für eine Kinder-Aids-Einrichtung leisten. Die digitale Selbsttötung brachte weniger ein als erwartet. Aber einige nahmen die Aktion zum Anlass, ein Leben gänzlich ohne Net und Handy zu erproben. Ging nicht.

Wir haben auf Kosten der alten Kommunikationswege (z.B. Briefpost oder ganz altmodisch einander von Angesicht zu Angesicht treffen) eine Parallelexistenz im Cyberspace aufgebaut. Ob in einer nicht allzu fernen Zukunft uns Firmen um gutes Geld digitale Doppelgänger zur Verfügung stellen, damit wir wieder Zeit haben, unser echtes Leben zu bewohnen?

Walter Braun
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