Was tun mit einer brennenden Plattform
 

Was tun mit einer brennenden Plattform

Kommentar von Walter Braun

Nicht unerwartet stand das Thema "Zukunft" jüngst beim Gipfeltreffen in Davos an der Tagesordnung. Allgemeine Übereinstimmung: Unternehmen stehen unter einem größeren Innovationsdruck denn je; Googles Eric Schmidt meinte gar, man müsse sich "permanent drehen". Fragt sich bloß, wohin? Der vielfach preisgekrönte Nike-Spot "Write the Future" insinuiert in typisch amerikanischer Art, man sollte die Zukunft "herbeischreiben". 

Kann man das wirklich? Dazu wäre es notwendig, Kommendes in gewissem Maße kontrollieren zu können. Doch dazu sind oft nicht einmal die Marktführer in der Lage. Beispiel Weltmarke Nokia, großer Gewinner des Handy-Booms und vor wenigen Jahren klar die Nummer eins im Markt. Nun längst nicht mehr. Jetzt liegen Unternehmen vorne, die aus einer ganz anderen Branche kommen, nämlich Apples iPhone beziehungsweise Mobiltelefone, die mit dem Android-Betriebssystem laufen (das Google entwickelt hat!). Nokia rangiert nur noch unter "ferner liefen", was den CEO vor Kurzem dazu veranlasst hatte, die Angestellten mit einer drastischen Warnung zu erschrecken: Wir befinden uns auf einer brennenden Plattform - entweder springen wir ins eiskalte Meer oder werden Opfer der Flammen ... 

Innovation ist die treibende Kraft. Wenn Facebook an die Börse geht, werden Anleger zwischen fünf und zehn Milliarden Dollar in das Online-Medium investieren. Da FB profitabel ist und genügend Geld auf der Bank liegen hat, ist anzunehmen, dass ein Großteil des frischen Kapitals in die Umsetzung gewagter Ideen fließen wird. Dabei wird das Unternehmen - wie auch Google und Amazon zuvor - aus der Digitalsphäre ausbrechen. Vielleicht wird es 2014 ein FB-Smartphone geben, mit dem man Gesichter auf der Straße identifizieren kann, um dann automatisch deren FB-Profil abrufen zu können!? Millionen werden erschreckt Facebook den Rücken zukehren, andere Millionen werden fasziniert andocken. 

Je mehr wir unseren Lebensverlauf Datenbanken anvertrauen, umso stärker werden wir solche neuen Möglichkeiten nutzen (in Zukunft "databased living" genannt?). Bei sozialen Netzwerken dreht sich alles um Kontakte und Austausch - man könnte dies als Teil der umfangreichen Erlebniswirtschaft betrachten. Warum sollte da die Facebook-Vision nicht lauten: Wir wollen überall dabei sein, wo Menschen einander treffen (inklusive der profitablen Dating-Szene)? 

Google hat den Pfad vom Cyberspace in die Realwelt vorgezeigt und durch eine Verknüpfung von Online-Stadtplänen mit Satellitenansicht und Google Street View völlig neue Blickwinkel eröffnet. Um an dem Kreativitäts- und Innovationsboom teilhaben zu können, braucht es neben Investitionskapital: Kommunikationsstärke, Zusammenarbeit sowie Problemlösungsfähigkeiten. Und ganz besonders kritisches Denken - das Gegenteil von politisch korrektem Denken. Höchste Zeit, den lähmenden Kontroll- und Überwachungsideologien des 20. Jahrhunderts den Rücken zuzukehren und einen neuen Diskurs zu starten. Die europäische Plattform brandelt schon ein wenig ... 

Walter Braun
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