Was können wir ändern?
 

Was können wir ändern?

Editorial von Sebastian Loudon

Die Lust an der Apokalypse kennt derzeit scheinbar keine Grenzen. Was noch nicht kaputt ist, wird kaputtgeredet, was eigentlich großartig funktioniert, wird grundsätzlich infrage gestellt. Die Endzeitstimmung wird zur wohlig-grausigen Grundstimmung. Anders als vielleicht noch vor einem Jahr, richtet sich dieser Befund der negativen, aber umso selbsterfüllenderen Prophezeiung nicht gegen die Medien, sondern gegen uns selbst. Die Medien sind weniger apokalyptisch eingestellt – vielleicht ist es meine urlaubsverwöhnte Wahrnehmung, vielleicht liegt es auch daran, dass Spiegel & Co. längst alle Titelbild-Möglichkeiten ausgeschöpft haben, mit denen man den Niedergang des Euro illustrieren kann – von der zerbrochenen Euro-Münze bis zum brennenden Euro-Papierflieger. Doch halt: Die Zeit war es, die vergangene Woche eine Euro-Münze als untergehende Sonne über dem Mittelmeer zum Titel hatte, garniert mit der Headline „Abschied vom Süden“. Wie schön.

Ob sich die Medien also zusammenreißen, die Journalisten die Lust an der Krisenherbeischreiberei verloren haben, ob das Publikum mittlerweile so abgestumpft ist, dass sich Krisengeschichten nicht mehr verkaufen, oder ob das alles nur eine subjektive Wahrnehmung ist? Wie auch immer. Was jedenfalls mindestens so schwer wiegt, ist, dass wir alle längst krisenverseucht sind. Angststarr, innovationsfremd, investitionsfeindlich – so präsentiert sich unsere gesättigte Gesellschaft, und so präsentiert sich leider auch die werbetreibende Wirtschaft. Gewiss, der Motor brummt, und die Benchmark etwa für die Umsatzrendite bei heimischen Herstellern liegt derzeit bei 30 Prozent, wie man staunend vernehmen kann. Aber diese Margen werden leider mit hohen Kosten erreicht, und zwar auf Kosten der Innovation neuer Produkte und der Investition in die Marke. Ausgequetscht kann man auch sagen, das tut man dann, wenn man keine Hoffnung in die Zukunft hat, keinen Glauben ans Morgen, keinen Mut, die Welt selbst gestalten zu können. Sich drüberretten, nennt man das, aber bitte wo „hinüber“, wenn man fragen darf? Ins nächste Quartal? Bis zum nächsten Jobangebot? Oder einfach nur, bis die Lichter ausgehen? Die Unternehmen stehen auf der Bremse, die Schäfchen sollen ins Trockene gerettet werden, solange es noch geht, werden Traummargen eingefahren, ohne Rücksicht auf die Zukunft. Nachhaltigkeit wurde längst zum Schönwetterthema, kaum einer scheint sich noch um die Nachhaltigkeit des eigenen Geschäftes zu kümmern – denn die gibt es eben nur, wenn man in die eigene Zukunft, die bestehenden und mögliche neue Produkte investiert.

Genug des Lamentierens. Das wirtschaftspolitische Umfeld ist zu akzeptieren, und man kann nur vor der eigenen Türe kehren, das verändern, was man wirklich selbst in der Hand hat. Ein weit verbreitetes Gebet lautet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Es heißt das „Gelassenheitsgebet“ und man sollte an dieser Stelle Gelassenheit nicht mit Wurschtigkeit verwechseln. Denn Wurschtigkeit im – nur scheinbar widersprüchlichen – Doppelpack mit hysterischer Aufregung ist es, was in dieser Situation am schlimmsten wirkt.

Was bedeutet das für eine – vergleichweise unbedeutende – Entität wie den HORIZONT als Wochenzeitung für die Kommunikationsbranche? Was können wir beitragen? Was können wir ändern? Nun, eigentlich nur uns selbst, unser Produkt, unsere Herangehensweise, unser Denken. Und das wollen wir auch tun. Dieser Tage starten wir einen internen Innovationsprozess, bei dem alles hinterfragt wird, wo alles erlaubt ist. Wir wissen noch nicht, wohin uns dieser Prozess führt, aber das Ziel ist klar: Wir nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand. Das ist unsere Investition. Begleiten Sie uns dabei – aufmerksam, aber nicht hysterisch, gelassen, aber nicht wurschtig.
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