Warum klaffen die Fronten so auseinander?
 

Warum klaffen die Fronten so auseinander?

Kommentar von Walter Braun

Manche meinen, die uralte Aufteilung in politisch links versus rechts sei genetisch verankert. Durchaus möglich. Die Frage aber ist, warum in den letzten Jahren die Kluft zwischen unterschiedlichen Anschauungen gar so unüberbrückbar weit geworden ist: Ob es um den Bau eines neuen Flughafens geht, um die Frage, ob menschliche Aktivitäten ­Klimaerwärmung verursachen, pro oder contra ­Abtreibung, Drogenfreigabe … es gibt fast keinen Bereich, in dem es nicht zu giftigen Auseinandersetzungen kommt und in dem beide Seiten eine ­Gelegenheit auslassen, sich beleidigt zu geben. Was geht hier vor?

Manche beschuldigen die allgegenwärtigen Medien. Das meiste Gift wird aber auf Twitter verspritzt – ganz ohne kommerzielle Interessen. Eine neue Theorie namens „Cultural Cognition“ vermutet, dass die aufgeregten Debatten einen tiefer liegenden Konflikt verbergen, nämlich unterschiedliche Vorstellungen, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte. Um diese Anschauungen bilden sich Gruppierungen, die ihre Sicht hartnäckig verteidigen. Da eine Gruppe sozialen Schutz bildet, wird jedes Gegenargument automatisch als Angriff empfunden.

Laut der These der kulturell geprägten Wahrnehmung gibt es vier Basisgruppen: (i) Kommunitaristen („Wir sitzen alle im selben Boot“), (ii) Verteidiger von Hierarchien (die eine traditionelle, sich wenig ändernde Gesellschaft verlangen), (iii) Verfechter von Gleichheit (die sich flexible, hierarchiefreie Gesellschaften wünschen) ­sowie (iv) Individualisten (die auf maximale persönliche Freiheit pochen).

So weit, so gut. Das erklärt aber immer noch nicht, warum die Auseinandersetzungen rabiater und engstirniger geworden sind. Wir rücken nur dann besonders eng zusammen, wenn wir uns ­angegriffen wähnen. Wodurch fühlen sich heut­zutage so viele Menschen bedroht? Unsichere ­Arbeitsplätze? Der Verlust von vertrauten Traditionen? Die ausgeprägte Ich-für-mich-Tendenz der Konsumgesellschaft? Hohe Scheidungszahlen? Unsichere Pensionen? Sich beschleunigender technischer Wandel? Dass die Zukunft offener und damit weniger kalkulierbar geworden ist?

Von Natur aus ängstlichere Menschen brauchen eine gewisse Stabilität, die unsere post-postmoderne Gesellschaft nicht länger zu vermitteln ­vermag. So gesehen, vertreten Technologie und Konsumkapitalismus, die unser Leben wie nie zuvor dominieren, den „progressiven Standpunkt“ auf Kosten der Sicherheit und Überschaubarkeit, die sich Konservative wünschen. Der „Preis“ dieser Entwicklung ist aber, dass Einkommen und Besitzstände weiter denn je auseinanderklaffen.
Dazu kommt, dass sich Linke wie Rechte völlig machtlos fühlen gegenüber Entwicklungen, die sie nicht befürworten. Eine Ursache ist wohl der enorme Einfluss transnationaler Konzerne auf die Politik – Lobbying ist in Washington und Brüssel gleichermaßen Demokratie-zersetzend.

Preisfrage: Was könnte uns ein Gefühl der Kontrolle und Sicherheit zurückgeben, wenn es letztlich gar nicht um Sachfragen, sondern um fundamentale psychologische Befindlichkeiten geht?

[Walter Braun]
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