Waldsterben, Zeitungssterben
 

Waldsterben, Zeitungssterben

Editorial von Philipp Wilhelmer

Zugegeben, die letzten Tage hatten es in sich: Financial Times Deutschland, Frankfurter Rundschau, Mein kleines Blatt … Die Liste der Medien, deren Schicksal besiegelt ist, wird auch im deutschsprachigen Raum länger. Das trägt nicht gerade zum Optimismus in der Branche bei. Auch das brutale Sparpaket, das die Styria Media Group ihren beiden Wiener Blättern Presse und WirtschaftsBlatt verordnet hatte, ist nicht dazu angetan, als Journalist händereibend und voller Optimismus in die Zukunft zu blicken.

Dennoch: Kein Medium ist derzeit stärker, um Botschaften unter die Leute zu bringen, als die gute alte Zeitung, begleitet von ihren Beibooten, den reichweitenstarken Magazinen (der ORF sei hier als ­gattungsfremder Sonderfall mal beiseite gelassen). Wer die Verlage hinter sich hat, um eine Message zu trommeln, oder schlicht auf den Konsens bauen kann, dass gewisse Grundwerte auch in deren ­Redaktionen eine Rolle spielen (Demokratie, anyone?), darf sich über die publizistische Achse zwischen Krone, Standard und Regionalzeitungen freuen. Die liegen nämlich weit näher beisammen als die vielen Off-Topic-Blogs in den Weiten des Internet und bilden das Rückgrat für die Kohäsion der ­Gesellschaft.

Natürlich hat die Demokratisierung der Publizistik durch die Möglichkeiten des Webs fast durchwegs positive Seiten und brachte eine neue Qualität des Pluralismus in den öffentlichen Diskurs ein. Man mag sich aber nicht vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn alle Meinungs- und Nachrichtenkanäle derart kleinteilig daherkämen, wir bewegen uns ohnehin schon in einem fragmentierten gesellschaft­lichen Trümmerfeld, in dem die Orientierung zunehmend schwer fällt.

Die Zeitungen haben ihre Aufgaben zum Glück erkannt, so scheint es: Eine Neugestaltung von Presseförderung und Kollektivvertrag, gemeinsames Vorgehen bei Paid Content, Investitionen neben harter Einschnitte. In den 1980er-Jahren warnte man hysterisch vor dem angeblichen Waldsterben, heute kommt kein Prophet ohne den Tod der Zeitung aus. Auch diese Hysterie wird verhallen.

Bei all dem traurigen Abgesang und der Euphorie derer, die eh schon immer gewusst haben, dass ­Zeitungen irgendwann und in undefinierter Zukunft kein Geschäftsmodell mehr sein werden, gibt es immer noch Hoffnung: Die Printbranche ist immer noch ein Riese, der nicht so ohne Weiteres ins Taumeln gerät. Daran ändert die Einstellung schlecht performanter Wegbegleiter nichts, deren Einzelschicksale zwar einer Großwetterlage geschuldet sind, die aber keinen Schluss auf den Rest der Branche zulassen. Die einzig valide Folgerung aus der mutmaßlichen Zeitungskrise ist bis dato nur jene, dass Zeitungen, die chronisch defizitär sind, nicht mehr weiter am Leben erhalten werden, weil sie wohl auch in Zukunft nicht das versprechen, was sie in der Vergangenheit schon kosteten.
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