Wachstum oder nicht – wer weiß das schon
 

Wachstum oder nicht – wer weiß das schon

Kolumne von Walter Braun

Jeder Mensch hat ein tief sitzendes ­Bedürfnis, sich und seine Umwelt zu ­verstehen. Nun sind wir infolge rasanter technischer Fortschritte und der Globalisierung in eine Situation gerutscht, die allmählich unerträglich komplex wird. Wenn Räuberbarone an der Wall Street ein zerstörerisches Milliarden-Dollar-Rädchen drehen, sind wir ihnen hilflos ausgeliefert, falls wir nicht von Fachleuten in Banken und Aufsichtsbehörden beschützt werden. Blicken die denn je durch?

Wir alle spüren an der ausgedünnten Geldbörse, dass die zentralen Lebenskosten bei Nahrungsmitteln, Energie, Transport, Mieten et cetera seit Jahren streng nach oben gehen. Offiziell haben wir allerdings nur minimale Inflation. Die Erklärung: Regierungen müssen ­infolge überdehnter Beamtenstäbe und überhöhter Pensionen und zugesagter Inflationsabsicherung falsche Inflationsberechnungen erzeugen, andernfalls wäre die Steuerlast unfinanzierbar. Inflation macht nicht nur unser Leben ungemütlicher, deren Leugnung erzeugt zusätzliche unangenehme kognitive ­Dissonanz.

Wird das Wirtschaftswachstum, das alle politischen Überlegungen dominiert, korrekt berechnet? Eine aktuelle Erhebung der Boston Consulting Group hat zutage gebracht, dass die Folgen der digitalen Revolution unvollständig erfasst werden. Überall ändern sich die Arbeitsweisen, aber die staatlichen Datenwächter verstehen die Auswirkungen nicht. Wenn ich mithilfe des Nets Fakten finde, die mir erlauben, eine Arbeit zu erledigen, die ich sonst nicht durchführen könnte, hat dieser Umstand beträchtlichen Wert für mich. Dieser Wert scheint aber in der Erhebung der nationalen Wirtschaftsleistung nicht auf, wenn die Leistung im Web gratis ist. Gewichtet wird auch nicht der Mehrwert, den Trainings und Branding ausmachen. PR- und Werbeagenturen arbeiten hart, Markenwerte zu erhöhen – was aber nur in HORIZONT-Statistiken aufscheint, nicht im österreichischen Bruttonationalprodukt.

Laut der erwähnten BCG-Studie werden in Großbritannien bis 2015 rund zehn Prozent (!) aller wirtschaftlichen Aktivitäten über das Internet kommen. Die offizielle Einschätzung steht aber seit Jahren bei 5,8 Prozent. 1,0 Prozentpunkte gesamtwirtschaftlicher Umsatz machen circa 15 Milliarden Pfund  (rund 18,5 Milliarden Euro) aus. Es könnte also im Vereinigten Königreich, das die weltweit stärkste E-Commerce-Wirtschaft besitzt, zurzeit ein kleiner Konjunkturboom stattfinden, während Politiker eine Rezession beklagen und unproduktive Arbeitsplätze mit neuen Schulden schaffen wollen. Statt die Produktivitätsrevolution in der Digitalwelt zu verstehen, packen sie lieber alte Rezepte aus, um mithilfe von (mittlerweile untrag­baren) Schulden unproduktive Arbeitsplätze zu erzeugen, weil das vor 30 Jahren einmal funktioniert hat. Warum tun Sozial- und Wirtschaftspolitiker, als wäre es noch 1980? Niemand kennt sich aus. Und jeder ist verärgert.

[Walter Braun]
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