Von Fröschen und Verlegern
 

Von Fröschen und Verlegern

Editorial Sebastian Loudon

In der vorletzten Ausgabe schrieb Kollegin Doris Raßhofer auf dieser Seite einen Kommentar mit dem Titel „Bringen wir uns selber um!“. Darin prangerte sie die gezielte Selbstzerstörung der Printmedien an, indem diese laufend über den Niedergang dieses Mediums berichten. Raßhofer erntete verdienten Beifall. Denn es stimmt, die Medienbranche scheint einer latenten autovoyeuristischen Todessehnsucht zu frönen und jedes strukturelle oder finanzielle Problem, das ein gedrucktes Medium irgendwo auf der Welt meldet, in die längst überquellende Schublade „Print ist tot“ zu stopfen. Garniert von werbetreibenden Unternehmen und ­ihren Agenturen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit postulieren, wie die Werbegelder immer mehr in digitale Kanäle umgeleitet werden, gibt das tatsächlich ein düsteres Bild ab. Und ja: Die meisten Auflagen sinken, und die Reichweiten steigen auch tendenziell nicht an, was angesichts des explodierenden medialen Angebots ein tatsächliches Wunder wäre.

Die applaudierenden Reaktionen auf Raßhofers Kommentar sorgten für eine Diskussion innerhalb der HORIZONT-Redaktion. Sollten wir als Branchenmedium solchen Untergangsbotschaften nicht überhaupt entsagen, sie einfach ignorieren, um nicht selbst zum Beitragstäter einer fatalen selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden? Ich darf Sie beruhigen: Die Diskussion dauerte nicht lange. Nein, wir werden ganz sicher nicht die Augen verschließen und in die Fachwelt rufen, es sei ohnehin alles happypeppy in der Printwelt. Stattdessen werden wir weiter versuchen, den tiefgreifenden Wandel, dem sich Printmedien konfrontiert sehen (sollten!), unaufgeregt zu begleiten und differenziert zu beleuchten.

In Abrede zu stellen, dass sich insbesondere Tageszeitungen mannigfachen Herausforderungen und Problemstellungen gegenüber sehen, würde sowohl die Intelligenz unserer Leser als auch ­unsere eigene beleidigen. Hausgemachte Probleme und Erblasten aus den fetten Jahren des Mediengeschäfts (Kollektivvertrag alt) mischen sich mit den Folgen der digitalen Revolution und ihren ­Herausforderungen (von Google bis Paid Content) und bekommen zusätzliche Würze durch poli­tische Querschläger wie das Medientransparenzgesetz und die nach wie vor anhaltende mediale ­Kriminalisierung von Printwerbung. Die meisten und vor allem die ganz großen Herausforderungen sind seit Jahren bekannt.

Dass die Situation in manchen Verlagen heute so virulent ist, ist Ergebnis eines jahrelangen Herumlavierens. Es spricht Bände, wenn der profil-Herausgeber im HORIZONT-Interview in der vergangenen Ausgabe den Verlegern vorwirft, sie hätten im Kampf gegen den völlig anachronistischen Kollektiv­vertrag bereits vor Jahren einen Streik der Journalisten riskieren müssen. Boshafte Zeitgenossen, oft aus dem digitalen Eck, vergleichen das Verhalten der Verleger gern mit dem Bild vom Frosch im heißen Wasser: Wenn man einen Frosch ins heiße Nass schmeißt, springt er sofort heraus, gibt man ihn aber in kühles Wasser und erhitzt die Temperatur ganz langsam, bleibt er regungslos und kocht bei lebendigem Leib. Das Tröstliche: Die grausame Geschichte vom Frosch stimmt schlicht nicht, sie ist eine Mär. Frösche retten sich, wenn das Wasser ungemütlich warm wird. Und Zeitungsmanager und -macher kommen auch in die Gänge, bevor sie bis zum Hals im kochend heißen Wasser strampeln.

Man sieht das an allen Ecken und Enden der Branche: aktuell beim Kurier. Zuletzt bei Presse und WirtschaftsBlatt. Andere werden folgen. Die Kunst dabei – und das ist dem Kurier bislang deutlich besser gelungen als den Styria-Zeitungen: Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen in eine plausible Vorwärtstrategie zu verpacken. Sparen bei den Kosten, Investieren ins Produkt. Und raus aus der Abwärtsspirale. Das ist schwierig und mit Schmerzen verbunden. Dabei sind alle gefordert: ­Eigentümer, Management, Belegschaft und ihre Vertreter. Die Zeiten haben sich geändert, das ­Wasser wird wärmer, es ist höchste Zeit, sich zu bewegen.
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