Von Druck und Freiheit
 

Von Druck und Freiheit

Editorial von Sebastian Loudon

Die Freunde des gepflegten Shitstorms hatten diese Woche wieder ihre helle Freude. Der österreichische Boulevardjournalismus zeigte einmal mehr seine hässliche Seite – diesmal war es oe24, der Internetableger der Tageszeitung Österreich, der sich nicht genierte, über das Begräbnis des von seinem Vater erschossenen niederösterreichischen Buben einen Live-Ticker einzurichten (siehe Seite 5). Jenseitig, geschmacklos, unappetitlich, keine Frage. Und zu Recht gab es Proteste auf Facebook und Twitter, die schon bald aber eine bemerkenswerte Wendung nahmen.

Denn da wurde plötzlich von mehreren Seiten die Frage gestellt, wie denn Unternehmen in diesem Umfeld werben und solche Contentschweinereien indirekt unterstützen können. Nachdem Herausgeber Wolfgang Fellner sich rasch von dem Journalisten-Missgriff distanziert hatte und der Live-Ticker eingestellt wurde, richtete sich der kollektive Druck in Richtung der Inseratenkunden. Der ÖVP-Multimedia-Verantwortliche Gerhard Loub forderte „einen Inseratenboykott gegen Österreich nach der heutigen Live-Ticker-Aktion“. Und Falter-Star Florian Klenk schrieb gar: „Jeder Regierungspolitiker, der jetzt noch in Österreich inseriert, sollte wegen Beihilfe zu solchen Übergriffen belangt werden.“

Aufseiten mancher Werbekunden reagierte man – wie es sich für soziale Netzwerke gehört – in Echtzeit. „Wir sistieren mal unsere Anzeigen bis auf Weiteres und sehen uns das genauer an“, postete Microsoft-Österreich-Unternehmenssprecher Thomas Lutz auf Facebook. Eine Wortmeldung, die die stellvertretende Chefredakteurin von News, Corinna Milborn, auf Twitter mit einem beeindruckten „Wow“ zur Kenntnis nahm.
Auch bet-at-home.com bedauerte „die unglückliche Werbe-Platzierung auf oe24 und setzt diese mit sofortiger Wirkung aus“. Noch am gleichen Abend entschuldigte sich oe24 ausdrücklich bei allen Usern und versprach, bei der Einrichtung von Live-Tickern künftig sensibler vorzugehen.

Kurz zusammengefasst: Die aufmerksame Online-Community hat einen journalistischen Fundamentalfehlgriff identifiziert, Druck ausgeübt, sowohl auf das Medium als auch auf die Werbekunden. Beide haben schnell reagiert. Das Publikum als effzientes Korrektiv in Echtzeit. Alles großartig, oder? Oder? Wie verhält es sich eigentlich mit dem von Journalisten stets vorgetragenen Grundsatz, dass sich Anzeigenkunden nicht in redaktionelle Belange einzumischen haben? Wer erinnert sich an den Shitstorm, der dem ÖBB-Management entgegenblies, als dieses Printmedien für kritische Berichterstattung mit einem Anzeigenboykott belegte?
Gewiss, die zwei Fälle sind nicht zu vergleichen, haben aber eine Parallele. Für unliebsame, unsympathische, unethische oder schlicht unappetitliche Berichterstattung soll der Hebel der Anzeigenkunden herhalten, um Druck auf das Medium auszuüben. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet Journalisten über den Erfolg dieses Machtmechanismus jubeln.

Im Zuge der HORIZONT-Podiumsdiskussion zu Rolle und Aufgabe des investigativen Journalismus Ende März dieses Jahres wurde mehrfach die unteilbare und bedingungslose Bedeutung der Pressefreiheit betont. Der Medienrechtler Alfred Noll beschrieb sie gar als „säkulare Religion“, der sich andere rechtliche Aspekte, wie Amtsmissbrauch, unterzuordnen hätten. Die Pressefreiheit gilt also nun einmal für alle Medien, auch jene, die damit nicht verantwortungsvoll umgehen. So erfreulich die rasche korrigierende Wirkung im konkreten Anlassfall vordergründig war, so wenig wird dieser Dienstag nach Pfingsten als Sternstunde der Pressefreiheit in die Geschichte eingehen.
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