Von digitalen Winden verwehte Einkäufer?
 

Von digitalen Winden verwehte Einkäufer?

Kommentar von Walter Braun.

Die Unternehmensberater von Accenture bauen ihre Studie „From Retail to ‚Me-tail‘“ auf einer simplen Annahme auf: Verkäufer geraten auf Verbrauchermärkten ins Hintertreffen. Das Web ermöglicht eine nie gesehene Fülle von Angeboten und gleichzeitig einen raschen Wechsel von Anbieter zu Anbieter. Nicht die Läden bestimmen länger, welche Produkte in den Regalen liegen, sondern stimmungsgetriebene Käufer, die ihren Launen nachgehen und alles auf der Stelle haben wollen. Untreue und unberechenbare Verbraucher auf der Jagd nach Sofortbefriedigung werden die Handelslandschaft dominieren.

Radikale Accenture-Prognose: „Geschäfte, wie wir sie heute kennen,werden nicht länger relevant sein. Viele Einkäufer werden nie wieder eines aufsuchen.“Die treibende Kraft hinter dieser Revolution, meinen die Berater, sei die Millenniums-Generation, derzeit im Alter zwischen 15 und 30. Sie sind in einer digitalen und mobilen Welt aufgewachsen und wären auf ‚Einkauffssucht‘ geradezu vorprogrammiert. Die Immer-online-Einstellung dieser Generation sollte der Voraussage zufolge in wenigen Jahren den gesamten Globus erfassen und zum dominanten Lebensstil werden.

Damit das eintrifft, braucht es ein paar Voraussetzungen: Erstens Bürger, deren Leben sich mehr oder weniger rund ums Einkaufen dreht (wer Nutzen-orientiert einkauft, dem sind ‚Einkaufserlebnisse‘ schnurzpiepegal). Zweitens dürften diese Menschen nie erwachsen werden. Drittens darf den Dauer-Shoppern der Kredit nicht ausgehen. Viertens muss Zustellung billig bleiben, das heißt, Spritpreise oder Straßenbenützungsgebühren dürfen nicht in die Höhe gehen. Fünftens müssen die Menschen willens sein, praktisch ihr gesamtes Leben im Kopf zu verbringen, virtuelle Realität also aus Prinzip über die kantige Existenz zu stellen. Außerdem müsste das Internet auf ewig gratis bleiben. Davon ist kaum auszugehen.

Die Realität hat eine ungute Art, immer wieder einzusickern (z.B. in Form von Arbeitslosigkeit). Am ehesten scheint die Vision von Accenture in Großbritannien aufzugehen – von Lebensmittel bis zur Mode wird dort zunehmend über Internet eingekauft. Laut den Buchhaltern von Deloitte ist der Web-Endverbraucherumsatz von 9 Milliarden im Jahr 2005 auf über 25 Milliarden Pfund (rund 30 Milliarden Euro) im heurigen Jahr gewaltig angewachsen. Die Website notonthehighstreet.com beispielsweise offeriert 35.000 Produkte, die von kleinen Anbietern stammen und nirgendwo sonst erhältlich sind – das beginnende Ende der Haupteinkaufsstraßen?

Ganz und gar nicht. Reine Online-Boutiquenwie feelunique.com sehen sich zunehmend veranlasst, handfeste Geschäfte zu eröffnen. „Wir wollen die Web-Erfahrung lebendig werden lassen“, erklärt Holly Tucker, eine der Gründerinnen von notonthehighstreet. „Auch wenn es aussieht, als würden wir in die falsche Richtung gehen, glaube ich, dass dies die Zukunft ist: Mehr und mehr Einzelhändler beginnen online und gehen dann im Erfolgsfall in Richtung konventionelles Geschäft.“

Walter Braun
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