Vintage-Gesinnung
 

Vintage-Gesinnung

Editorial von Philipp Wilhelmer

Wenn in Wien-Hietzing der Wind geht, bekommt es zumindest eine Person verlässlich mit: Im Büro des ORF-Generaldirektors reißen die Böen an den Fenstern und vermitteln durch ein bedrohliches Pfeifen und Heulen einen authentischen Eindruck davon, wie das damals gewesen sein muss, am Ende der 70er-Jahre, als die Wände noch dünn und die Ansprüche an die Baustoffe vergleichsweise gering waren. Zugegeben, die ORF-Belegschaft wird es sicher verschmerzen, wenn es beim Chef im sechsten Stock zieht, symbolisch für den Zustand des vielgelobten Roland-Rainer-Baus ist der Wind im Büro von Alexander Wrabetz aber allemal.

Fenster sind schnell ausgetauscht, und die notwendige Isolierung auf den Fassaden des Zweckbaus lässt sich sicher auch recht preisgünstig verbauen, sodass die Retro-Immobilie zumindest nach den einfachsten Maßstäben auf den Stand der Zeit gelangt. Nur reicht das leider nicht einmal im Ansatz, weil es in der Standortdebatte um viel mehr geht: nämlich um die Frage, wie der ORF sich seine Zukunft vorstellt und ob er sich schon heute darin gedanklich einrichtet. Die Immobilie, die entweder in St. Marx entstehen oder durch einen umfassenden Umbau aus dem bestehenden ORF-Zentrum herausrenoviert werden soll, wird widerspiegeln müssen, wie das Unternehmen in den kommenden 20 oder mehr Jahren aufgestellt ist: Wird es auch in den nächsten Jahrzehnten noch einen Bedarf geben für die Heerscharen an Technikern, deren starker Stand im Unternehmen sich vor allem früheren Innovationen in Sende-, Studio- und sonstiger Technologie verdankt? Oder schlagen auch Fernsehen und Radio weiter den schlank strukturierten Weg der digitalen Welt mit ihren ausgelagerten Serverfarmen und per Datenleitung aufgeschalteten Betreuern von ausgelagerten Firmen ein? Braucht auch der ORF sogar Synergien mit der privaten Konkurrenz, etwa indem er sich mit den Mitbewerbern große Studioanlagen teilt?

Das sind heikle Fragen, weil sie mit den Technikern und ihren Betriebsräten potenziell einen Machtblock im Haus treffen, der maßgeblich daran beteiligt war, die aktuelle Geschäftsführung abzusichern. Jetzt aber muss der wiedergewählte ORF-General Wrabetz dringend Antworten darauf liefern, wo die Reise hingehen soll. Die Geografie spielt dabei in Wahrheit eine untergeordnete Rolle, denn egal, ob die Zieladresse im dritten oder 13. Wiener Bezirk liegt: Wrabetz wird Flagge zeigen müssen und auch die eine oder andere schmerzhafte Wahrheit aussprechen müssen.

Moderner wäre ein Neubau beim Media Quarter Marx allemal, auch wäre man dort etwas stadtnäher positioniert als der abseitig gelegene Küniglberg, auf den sich die Mitarbeiter mit dem Autobus plagen. Will Wrabetz den Umzug aber wirklich durchziehen, müssen erst recht die (Personal-)Zahlen jongliert werden, um dies darstellen zu können, schließlich ist das Projekt nach ersten Berechnungen weit teurer als der Umbau der bestehenden Architektur. Um diesen Graben zu überbrücken, wäre jene Entschlossenheit gefragt, die der nun wiedergewählte General in dieser Frage bisher so schmerzlich vermissen ließ. Sein oft bewusstes Taktieren aus der Defensive heraus mag zwar bei der zugegebenermaßen heiklen Sicherung der eigenen Karriere eine nützliche Strategie gewesen sein, für eine Vision zum Gesamtunternehmen braucht es aber deutlich mehr: Konsequenz, Unerschrockenheit und transparente Kommunikation. Nichts von alldem war bisher spürbar. Sollte die ORF-Geschäftsführung hinter verschlossenen Türen ein brillantes Konzept verstecken: Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, endlich damit herauszurücken.

Wie auch immer der Standortstreit entschieden wird – am Ende wird sich der ORF-General der Frage stellen müssen, was schwerer wog: eine moderne Struktur, erfunden am Reißbrett des 21. Jahrhunderts, oder die Wahrung der internen Machtbalance am Küniglberg. Wrabetz hat es als einer von zwei wiedergewählten ORF-Generälen in der Geschichte des Unternehmens in der Hand, sich ein Denkmal zu bauen und den ORF mit einem tauglichen Konzept in die Zukunft zu führen. Er kann aber auch in Bachers Bau sitzen bleiben und sich der Vintage-Gesinnung der Bestandswahrer geschlagen geben.
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