Vierte industrielle Revolution: ein Märchen?
 

Vierte industrielle Revolution: ein Märchen?

Kolumne von Walter Braun

Sieht man genau hin, wird immer noch an den Folgeerscheinungen der Digitalrevolution herumgekaut. Die selbstfahrenden Autos werden noch lange nicht das Bild auf den Straßen prägen. Und neue Materialien oder 3-D-Printing werden kaum einen vergleichbaren Effekt wie die Elektrifizierung haben.
In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass die Umstellung auf die Digitalwelt holprig erfolgt – Großunternehmen reagieren zügig, viele Klein- und Mittelbetriebe hadern . Vor kurzem interviewte Ernst & Young ­Basel 700 Firmen in der Schweiz; bei Betrieben in der Größenordnung 30 bis 2.000 Mitarbeiter sagten 65 Prozent, Digitaltechniken spielten bei ­ihnen kaum eine Rolle. Verständlich, dass Vertreter der Bauwirtschaft so denken; weniger einleuchtend, wenn Handelsunternehmen sich von der Digitalwirtschaft unberührt zeigen.

Beim jüngsten Wirtschaftstreffen in Davos wurde debattiert: Was, wenn künstliche Intelligenz und Maschinen nicht nur primitive Muskelarbeit sondern auch gehobene Arbeit ersetzen? Beispiel: In der einstigen Autohauptstadt Detroit erzielten 1990 die drei größten Unternehmen 250 Milliarden Dollar Umsatz und beschäftigten 1,2 Millionen Menschen. 2014 machte Silicon Valley gleich viel, brauchte dazu nur 137.000 Mitarbeiter – ein Zehntel.
Der Lösungsvorschlag im Falle ­drohender Massenarbeitslosigkeit – „bedingungsloses Grundeinkommen“ – ist ein schlechter Scherz. Die Folge wäre eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, Geber und Nehmer.

Noch etwas wird verschwiegen: Menschen ohne Herausforderung verkommen seelisch und geistig; dafür gibt es genügend Beispiele. In der ­Regel wollen Bürger etwas leisten und dafür Anerkennung bekommen. Menschen ohne Stolz werden frustriert und dann depressiv oder zornig.
Leider ist Teilen/Umverteilen die einzige Antwort, die aus Intellektuellenkreisen zu hören ist. Vielleicht sollte man Disruption weniger verherrlichen, wenn man mit den Folgeerscheinungen nicht zurechtkommt!?

PS: Sowohl in Washington als auch in Brüssel ist die Demokratie praktisch stillgelegt; dort herrscht jetzt de facto eine Oligarchie. Der stille Preis für die „Vierte Industrierevolution“?

[Walter Braun
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