Unterbrecherwerbung? Werbeunterbrechung!
 

Unterbrecherwerbung? Werbeunterbrechung!

Kolumne von Walter Braun

Das Problem liegt auf dem Teller: Zu viele einkommenshungrige Medien kämpfen um den digitalen Kuchen, sodass nur Brösel für jeden übrig bleiben. Verlage versuchen gegenzusteuern, indem sie ihre Websites mit Werbung zupflastern – was Browser zum Stillstand bringt und das Lesevergnügen beschädigt. Fast noch schlimmer sind Ausschnüffelprogramme, die noch, nachdem man bereits die Website verlassen hat, in den Computer heruntergeladen werden; durchaus möglich, dass diese Praxis die Tür zu juristischen Streitigkeiten öffnet.

Ein Medienberater hat die Verfolgungswut gemessen: Im Schnitt werfen Onlinemedien 30 Tracker auf ihre Leser. Dahinter versteckt sich eine große Bandbreite. Der Spiegel etwa ist manierlich – bloß elf Stück Verfolgersoftware. Die Online-Ausgabe von  Forbes – bisweilen kritisiert für ihre Werbeflut – kommt auf 25 Spione. Aber die Daily Mail, vermutlich die erfolgreichste Digitaltageszeitung, verfolgt ihre Leserschar mit sage und schreibe 63 Trackern. (Nur politico.com schlägt alle: Die setzen 100 Aufspürer ein – wollen die unsere Unterhosengröße erfahren?)

Dass die Nutzer von Medien ihren Konsum zurückschrauben oder Ad-Blocker einsetzen, erscheint da nur logisch. Was Verlage wieder durch neue Tracker zu unterlaufen versuchen – ein Katz-und-Maus-Spiel, das nicht zu gewinnen ist. Die Ankündigung von Apple, im neuesten Betriebssystem werbeblockierende Software vorzu­installieren, wird die Taktik „Werbeüberfall“ zum Stillstand bringen.
Große Medien, die ihre Inhalte hinter Bezahlmauern verstecken und sich teilweise auf zahlende Kundschaft verlassen, werden den Apple-Vorstoß überleben. Medien, die davon leben, dass sie Inhalte kopieren und jede Seite in Werbewasser tränken, wird der Verlust ins Aus drängen. Auch deshalb, weil Nachrichten zunehmend über Mobile konsumiert werden.

Google, nicht faul, hat kürzlich angekündigt, Werbung mit Flash-Inhalt auf seinem Chrome-Browser zu stoppen. Amazon zieht nach und akzeptiert ab sofort von Geschäftspartnern keine Flash-Auftritte mehr. Werbetreibende operieren in der Regel mit zwei Versionen, Flash und einer statischen Ausgabe, weshalb diese Beschränkung nicht automatisch mit Impact-Verlust gleichzusetzen ist.
Auch Brutalwerbung kommt unter Beschuss: Ab November wird Google für seine mobile App jene Websites, die Interstitials benutzen, im Ranking weiter hinten reihen. Dabei handelt es sich um bildschirmfüllende Unterbrecherwerbung, die aufgedrängt wird, noch ehe man auf der Website landet.
Fazit: Werbeunterdrückung ist nicht länger ein Randphänomen, sondern Mainstream …

[Walter Braun]  

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