Unseren täglichen Hass gib uns heute
 

Unseren täglichen Hass gib uns heute

Kolumne von Walter Braun

Nicholas Negroponte, Gründer des „Media Lab“ am MIT, schrieb 1997 höchst schwärmerisch: „Das Internet wird nationale Grenzen niederbrechen und zum Weltfrieden führen. Unsere Kinder werden in der Zukunft nicht ­länger wissen, was Nationalismus ist.“

In Internetzeit eine kleine Ewigkeit her, dieser romantische Überschwang. Die Wirklichkeit hat sich als anders ­entpuppt. Technik verändert uns nicht ­notwendigerweise zum Besseren; man kann sie ebenso nutzen, andere zu ­unterdrücken oder bestehende Frustrationen lauter hinauszudröhnen. Ärger-Ausbrüche online sind keine Rand­erscheinung und passieren Tag für Tag Millionen Mal. Kommentare zu Medienstorys wären ein idealer Platz, intelligente Meinungen oder Wissen zum Besten zu geben. Die Realität? Ein Schwall von Selbstherrlichkeit. Ein Abstellplatz für Neurosen. Eine Müllkippe für ranzige Ideologien. Eine Bühne für chronische Besserwisser und Rechthaber.
Wir nutzen neue Technologien nicht bloß für bessere Kommunikation und leichteren Zugang zu Sex, sondern detto, um unserem Zorn Geltung zu verschaffen. Nach umfassenden Erhebungen sind zwei Forscher zu dem Schluss ­gekommen, dass sich die Online-Feindseligkeiten auf vier tief eingegrabene emotionale Reaktionsmuster zurückführen lassen: Verachtung, Hass, Angriffslust und, am stärksten von allen, Empörung (ein eingefleischter Trieb, Normenübertreter zu bestrafen). Für Empörungswillige kommen soziale ­Medien wie gerufen – man surft, bis man bei etwas Aufregenswertem hängenbleibt, und dann geht’s ans Abreagieren. Das Web ist leider in vielen populären Bereichen zu einer richtigen Frustschleudermaschine verkommen.
Am ärgsten sind die Twitter-Trolle. Da verliert eine Mutter ein Kind, das sich selbst das Leben genommen hat … und erhält dann statt Trost atemberaubende Gehässigkeiten via Mobiltelefon. Oft genug werden hirnlose Äußerungen ohne Nachdenken weitergereicht. Die Niederträchtigen und Feigen, die sich durch den Alltag duckmäusern, kommen in der Anonymität des Nets voller schäumender Gehässigkeit unter dem ­Teppich hervorgekrochen. Fungiert hier Anonymität im Web wie enthemmender Alkohol? Oder ist es bloß ein Neben­effekt von einer Milliarde Menschen, die alle drängelnd um Aufmerksamkeit buhlen?

In Australien gibt es mittlerweile ein Online Hate Prevention Institute (ohpi.org.au), das beispielsweise im Falle von Holocaust-Verunglimpfern tätig wird. Laut einer Erhebung des Simon Wiesen­thal Centers ist unter allen sozialen ­Mediaplattformen Twitter am einfachsten zugänglich für Hass- und Terrorismusbotschaften. Einschlägige Brut­stätten sind ferner YouTube und Facebook. Von Usern wurde auch Yahoos Nachrichtenleiste als Treffpunkt von Antisemiten genannt.

Der Europarat hat im März die Kampagne „No Hate Speech Movement“ ­gestartet; ob eine solche Aktion reicht, die Hasserfüllten zu bremsen, bleibt abzu­warten …

[Walter Braun]
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