Überraschung: Fernsehen ist Rezessionsgewinne...
 

Überraschung: Fernsehen ist Rezessionsgewinner

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Kommentar von Walter Braun.

In England ist seit Monaten Murdoch in aller Medien Munde. Die News Corp hat angekündigt, die restlichen 61 Prozent der gewaltigen Sat-TV-Plattform British Sky Broadcasting (BSkyB) aufkaufen zu wollen. Die Konkurrenz ist so verschreckt, dass sich eine unwahrscheinliche Koalition aus dem Staatsfunk BBC, privaten TV-Sendern sowie einer Reihe von großen Medienhäusern mit Schwerpunkt im Tageszeitungsgeschäft eingefunden hat. Sie wollen die Regierung dazu drängen, die geplante Übernahme zu verhindern. Argument: Die News Corporationsei ohnehin schon Großbritanniens größter Tageszeitungsverleger ("The Times", "The Sun"), und BSkyB wäre zu groß und kommerziell zu erfolgreich, um alles in einer Hand zu vereinen.

Erstaunlicherweise ist die Rezession an BSkyB spurlos vorübergangen. Während bei der Konkurrenz Auflage/Seherzahlen bzw. Werbeeinnahmen eingebrochen sind, eilt Murdochs Fernseh-Konglomerat von Stärke zu Stärke. Man hatte schon vor einigen Jahren richtig erkannt, dass die große Schwäche eines Sat-TV-Betreibers darin liegt, nur in eine Richtung funken zu können; also begannen sie zeitgerecht, Breitband- und Telefonanbieter aufzukaufen, um sämtliche digitalen Dienstleistungen in einem Paket offerieren zu können. Dazu das attraktivste Sportangebot des Landes plus eine volle Videothek von Hollywoodfilmen… und das Glück einer Rezession.

Glück? Durchaus. Unter den Verbrauchern hat jene Wende stattgefunden, die Trendforscher vor einiger Zeit an die Wand gepinselt hatten: Die Menschen ziehen sich vermehrt in die eigenen vier Wände zurück („Cocooning“). Teure Restaurants und Nachtclubs haben in der Wirtschaftsflaute jene Kundschaft verloren, die nicht wohlhabend genug ist, diese Aufwendungen ignorieren zu können. In Großbritannien zeigt sich, dass vom eingesparten Geld ein Teil in BSkyBs Taschen fließt: Vor zwei Jahren gab der durchschnittliche Kunde pro Jahr 430 Pfund aus, nun sind es 512 Pfund, rund 600 Euro.

Mit über 50 HD-Kanälen und einem Kanal, der Sport in 3D ausstrahlt sowie demnächst einem Angebot von zeitlich unabhängigem Fernsehen gewinnen sie immer noch Neukunden. Das summiert sich: BskyB werden bis Jahresende über 10 Millionen Abonnenten haben (bei einer Gesamtbevölkerung von 23 Millionen Haushalten). Diese Entwicklung mag erklären, warum plötzlich die Riesen Google und Apple (der einstige Underdog wird demnächst zum weltgrößten Konzern aufsteigen – auch eine Folge des Cocooning-Trends) ins Fernsehgeschäft drängen. Beide wollen das Web mit dem herkömmlichen TV verbinden.

Erste Sony-Geräte mit eingebautem Google TV kommen bereits auf den Markt. Warum hat sich der Ausblick so stark gewandelt? Hieß es nicht noch vor Kurzem, das Internet werde alle traditionellen Medien in den Schatten stellen? Was sich geändert hat, ist Folgendes: Privat-TV büßt an Werbung ein, weshalb sie ihre Gratisangebote zum Teil auf Bezahlfernsehen umstellen müssen. Und hier gewinnen ausschließlich die Großen …

Walter Braun
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