Trend zu Leben aus zweiter Hand
 

Trend zu Leben aus zweiter Hand

Kolumne von Walter Braun

Wäre es nicht toll, die chaotische, schmutzige, stinkende Wirklichkeit durch eine keimfreie Kopie zu ersetzen? Junge Technikbegeisterte träumen ­davon, jedes Fitzelchen ihres Lebens aufzuzeichnen – aber wozu? Um sich dann bei ‚Halbzeit‘ vom kantigen Dasein auszuklinken und die zweite Lebenshälfte mit einem Nacherleben der ersten Lebenshälfte zu verbringen? Die Idee, menschliche Existenz auf ‚Daten‘ zu reduzieren, erscheint als ein reichlich abstruses Unterfangen, getrieben von einem Ungeist, der nur in Quantitäten denken kann und den mensch­lichen Verstand fälschlich mit einem Computer vergleicht. Während die Wissenschaften mit der Dimension ‚Qualität‘ schlecht bis gar nicht umgehen können, ist sie für uns alles entscheidend, von der Wahl von Liebespartnern über Kreativität bis zur Art und Weise unserer Lebensführung. Die Digitalisierung des Lebensumfeldes könnte uns in eine inhumane Richtung drängen, wenn menschliches Dasein als technisch-pharmazeutischer Ego-Trip dargestellt wird, losgelöst von Familie, Fortpflanzung und Gesellschaft. Wenn zu viele Leute so tun, als würden sie allein in einem Raumschiff mit Eitelkeitsantrieb durchs Weltall surfen, sollte man ihre Nasen in Richtung Nahen Osten drehen, wo höchst primitive Machtbedürfnisse brutal ausgelebt werden. Wäre da nicht die Frage angebracht, ­welche Zukunftsaussichten dekadente westliche Lebensvorstellungen haben? Recht auffällig wird ein Leben aus zweiter Hand angepriesen. Sollten wir, statt selber hinauszuziehen, uns mit Google Earth begnügen? Und künftig via Luftaufnahmen reisen (http://travelbydrone.com/)? Wie wäre es mit einer App namens OSnap!, die über ein neues oPhone angeblich den Eindruck von Gerüchen übertragen kann? Damit ein Narziss in ein Luxusrestaurant geht und neiderfüllte Follower dann via Aroma-Patrone mitriechen können?Das stinkt mir. Noch abwegiger sind die Fantasien von Sex-Robotern, die wieder die Runde machen: „The murky world of robot sex and consent“ (Wired); „Sexbot slaves“ (Aeon Magazine); „Would you have sex with a robot?“ (io9.com); „Robots and sex: creepy or cool?“ (The Guardian), „Academics dream of electric sex workers“ (pando.com). Am ausgiebigsten schwärmte eine Psychologin im Zukunfts-Magazin The Futurist, wo sie Sex, wie er so von Mensch zu Mensch stattfindet, als „noch immer unreif“ bezeichnete – demnächst ab­gelöst durch „raffinierte Technik“, die zu einem gigantischen internationalen Industriezweig anschwillt. „Die Cyber­sex-Revolution wird einen Punkt erreichen, an dem sie unvermeidlich wird.“ Wirklich? Warum denn so ein Aufwand? Wäre es da nicht viel einfacher, eine simple Elektrode ins Gehirn zu pflanzen, die durch eine App jederzeit aktiviert werden kann? Und dann hängen alle überdreht und schlaflos da, angetörnt von einer virtuellen Traum­gestalt und reizen ihr Lustzentrum, bis ihnen die Birne durchschmort. Schöne neue Welt?



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