Tageszeitungen auf der Suche nach Wert
 

Tageszeitungen auf der Suche nach Wert

#

Hand aufs Herz, werte Tageszeitungsbesitzer:

Hand aufs Herz, werte Tageszeitungsbesitzer: Was macht eine Tageszeitung unersetzlich in den Augen der Käufer? Ist es mehr als bloße Gewohnheit? Wenn nicht, dann wäre jeder Generationenwechsel eine Bedrohung für Tageszeitungen. Ganz so schlimm ist es aber nicht – neben der Anziehungskraft einer gut etablierten Marke müssen die täglichen Nachrichtenlieferanten etwas bieten, das Kunden als werthaltig erscheint. Doch was ist es genau?

Gehen wir einen Schritt zurück: Dass so viele Tageszeitungen den kombinierten Anschlag von Internet, Werberückgang und wirtschaftlicher Rezession überstanden haben, ist erstaunlich. "Bild" meldete einen Rekord-Quartalsprofit und eine Profit-Marge von 27 Prozent. Das hat auch mit Glück zu tun, da global die Papierpreise um rund 40 Prozent eingebrochen sind. Am stabilsten erwiesen sich die Blätter in Japan, weil dort die Werbeabhängigkeit (bloß 35 Prozent des Umsatzes) am geringsten ist. Am verwundbarsten waren US-Zeitungenmit ihrem extrem einseitigen Geschäftsmodell (= 87 Prozent der Einnahmen von der Werbung, die in den vergangenen zwei Jahren um ein Drittel bei Print und Online eingebrochen ist).

Die erste Maßnahme war: Journalisten rauswerfen. Zufällig kam dabei zutage, dass viele Tageszeitungen falsch positioniert waren. Jedes Blatt, das etwas auf sich hielt, wollte die gesamte Welt der aktuellen Nachrichten abbilden. Im Alleingang ist so etwas extrem teuer … und im Zeitalter des Internets unnötig. Zu spüren bekamen das besonders angesehene und ernsthafte Titel wie "Le Monde" (verlor 25 Millionen Euro im vergangenen Jahr) oder die "Los Angeles Times" (flüchtete 2008 in Gläubigerschutz). Reihenweise haben Zeitungen die Auslandsberichterstattung auf Agenturmeldungen reduziert. Weder fixe Auslandsbüros noch einen Pulk von Redakteuren wichtigen Ereignissen hinterherzuschicken, ist notwendig.

Auch die klassische Motorseite zeigte sich als nicht Web-resistent: Blogger im Net wissen über einzelne Modelle besser Bescheid als Redakteure auf PR-Fahrt. Ähnlich den Autoreportern erwiesen sich auch Filmkritiker als zum Teil überflüssig: Seherkritiken im Web haben eine große Anhängerschaft, während spezialisierte Websites vorab Hintergründe zu Filmen und TV Serien verbreiten.

Was ist also wertvoll genug, zahlende Leser beider Stange zu halten? Nischenberichterstattung. Besonders gefragt sind lokale Nachrichten sowie Sportereignisse. Allen bisherigen Einsparungen zum Trotz wird eine weitere Konsolidierungsrunde bei Journalisten kommen, indem Tageszeitungen nur noch eine gemeinsame Redaktion für Print, Online und mobile Nachrichten besetzen. Auch eine Erhöhung der Verkaufspreise ist denkbar. Zudem wird der Wettbewerb in allen Mediengattungen durch Fusionen und Aufkäufe reduziert werden, besonders im kommerziellen Fernsehen (in Großbritannien versucht gerade der führende Sat-TV-Anbieter, BSkyB, den größten Kabelanbieter, Virgin Media, zu kaufen). Vorbei ist der Umbruch in der Medienbranche noch nicht.
stats