Stinkreiche Herzensbrecher
 

Stinkreiche Herzensbrecher

Kommentar von Andreas Hierzenberger

Verlustangst ist nicht nur ein im Extremfall lebensbedrohliches Krankheitsbild, sie ist zudem ein kraftvoller Umsatztreiber. Die Büchergroßfläche verlässt sich auf Präventiv- und Therapielite­ratur als Umsatzkonstante festmeterweise. Literatur, die sich nur allzu oft in wissenschaftlichen Grauzonen breitmacht, besagte atavistische Emotion wie ein Instrument stimuliert und auf Zusatz­kanälen Million um Million in die Kassen einer Schattenindustrie spült. Schon gut – keine Täter ohne willige Opfer, vor allem, wenn es sich um vor dem Gesetz mündige Erwachsene handelt.

Szenenwechsel ins virtuelle Leben. Digitale Haustiere sind, in erster Linie durch (noch?) unkontrollierbare In-App-Käufe zulasten der elterlichen Kreditkarte, ein echter Renner in den Play­stores. Niedlichste Kindchenschemata lassen die Herzen der durchwegs minderjährigen Smartphone-Nutzer höher schlagen. Jö, schau, so ein süßes Pixelkätzchen. Wahre Liebe. Absurd einfach ist es, die Seele eines Kindes im Sturm zu erobern.

Sobald die Haken greifen, wird schmerzhaft daran gezerrt. Das Kätzchen ist krank, es braucht Medizin, sonst stirbt es. Die Medizin kostet, dem unbedarften Userchen väterlich-schlüssig argumentiert, halt eine ­einstellige Kleinigkeit – keine Angst, ein verzweifelter Fingertipp aufs „Kaufen“-Feld macht’s wieder gut. Vor allem für gewisse gewissenlose Softwarehäuser, deren Konten sich Tag um Tag siebenstellig mit Herzblut füllen.

Unkontrolliert verfügbares seelisches Fast Food mit Langzeitfolgen.
Zwei Jahrzehnte ist’s her, da wimmelte es vor Tamagotchis. Gleiches Prinzip – damals allerdings durch Druck auf ­einen Reset-Taster offline und kostenfrei ­wiederbelebbar.

Es lebe der Fortschritt.
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