Stille Innovationen
 

Stille Innovationen

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Jenseits des HORIZONT

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die wahrscheinlich beste Wochenendzeitung des deutschsprachigen Raumes, hat, ein Jahr nach dem Tod von Frank Schirrmacher, das Layout geändert. Schirrmacher hätte sich ärgernd und wütend unbändig gefreut. Sie ist gelungen, die neue Edition.
Keine oberflächliche Behübschung, sondern ein konsequenter Versuch, vom klassischen Schema des Reporting, der Nachrichten und Kommentare, ins Essayistische zu gelangen. Und den Diskurs in den Mittelpunkt zu stellen. Die FAZ als Forum: anregend, aufregend, vergnüglich obendrein. Keine Spur von Belehrung.

Die Süddeutsche bringt erstmals ein weibliches Wirtschaftsmagazin he­raus: Plan W. Kein Frauen-Ökonomie-Magazin, kein pseudofeministisches, karrieristisches Heft, sondern ein Versuch der „anderen Sicht“. Ruth Klüger stellte einmal die These auf, Frauen ­lesen und schreiben anders. Plan W wagt die Theorie, weibliches Wirtschaften sei anders, sensibler, themenorientiert, ellenbogenextensiver. Das Experiment scheint gelungen.
Die Süddeutsche arbeitet permanent an einer Optimierung des Online-Auftritts und verschränkt Online und Print immer neu. Eine Haltung, unterschiedliche Channels und Stilmittel. Es könnte so funktionieren.

Die WaS – Welt am Sonntag – gibt seit einiger Zeit mit Blau eines der an- und aufregendsten Kunstmagazine ­heraus. Der Name ist Programm. Die gemächliche deutsche Art-Magazin-Landschaft erhält neue Impulse.
Der Spiegel hat sein Layout geändert und den Heftaufbau neu strukturiert. Geblieben sind die klassischen Spiegel-Intros. Das Kulturmagazin wird in Zukunft in das Heft integriert – dagegen ist nichts einzuwenden.
Auch die WirtschaftsWoche hat den Heftaufbau umstrukturiert, setzt stärker auf Kommentare, neue Gesichter, glossarische Momente. Man ist noch nicht fertig. Das Heft kommt mitunter etwas wirr daher. Aber es erleichtert weniger ökonomisch kundigen Menschen den Einstieg in komplexe Themen.

Vereinfachung muss nicht unbedingt Qualitätsverlust bedeuten.
FAZ und Süddeutsche wollen mit einem Firewall- und Pay-Modell starten. Man ist der Überzeugung, kundige Leser würden für kundigen Journalismus auch bezahlen. Dank der peniblen Vorbereitung und des mutigen Umstellens von Formaten, Inhaltsstrukturen, in der Dekonstruktion des klassischen Ressortschemas könnte das auch gelingen.

Tageszeitungen refinanzieren sich deutlich stärker wieder aus den Verkaufserlösen. Das mag Mut geben. Fakt ist: Print glaubt an sich. Guter Journalismus glaubt an sich, jenseits des Papiers. Sicher ist: Print ist nicht tot. Tageszeitungen von heute sind keine Produkte von gestern. Nostalgische Momente kennen gute Verleger nicht mehr. Zumindest bei Qualitätsmedien – sie heißen ja nicht grundlos so.

Manchmal wünscht man sich, ein wenig an deutscher Tageszeitungskultur möge auch nach Österreich ragen. Gute österreichische Autoren gibt es genügend. Ob es genügend Leser gibt, angesichts einer boulevard-populistischen Regierung, einander in der Nivellierung nach unten bekämpfenden Parteien und versiegender Inhalte, muss bezweifelt werden. Paternalismus ist der Feind des Mündigen.

[Jenseits des HORIZONT]
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