‚Sprechen wir erneut über Presseförderung‘
 

‚Sprechen wir erneut über Presseförderung‘

Leserbrief von Dieter Henrich. Betrifft: HORIZONT 13/2014, Seite 1

Sehr geehrter Herr Loudon,

zuerst einmal möchte ich dem HORIZONT für die umfassende und korrekte Berichterstattung zu den Diskussionen rund um die Presseförderung danken.
Eine Anmerkung ist jedoch notwendig zur Aussage von VÖZ-Geschäfts­führer Gerald Grünberger, wenn er die Ergebnisse der Studie der FH St. Pölten zu interpretieren versucht: Offenbar hat der VÖZ die Studie doch nicht allzu ­genau angesehen – vor allem aber nicht die gesamte Studie, sondern nur einzelne Seiten beziehungsweise jene Zahlen, welche die eigene Argumentation unterstützen. Anders kann ich die Aussage über einen Politikanteil in lokalen Wochenzeitungen von fünf Prozent nicht verstehen. Bei genauer Betrachtung ergibt sich nämlich ein völlig an­deres Bild: Die Studie der FH St. Pölten folgt einem von Haas verwendeten Codesystem, das einzelne Beiträge in einer untersuchten Zeitung einer bestimmten Kategorie zuordnet. Diese Systematik ist maßgeschneidert etwa für nationale Tageszeitungen wie Presse und Standard, für lokale Wochenzeitungen jedoch alles andere als optimal, weil es in dieser Systematik keine eigenen Kategorien für lokale und regionale Politik gibt. Um die Studie dennoch mit der von Haas vergleichbar und als Ergänzung zu halten, ist die FH der Systematik von Haas gefolgt und hat diesen „Nachteil“ für lokale Wochenzeitungen bewusst in Kauf genommen.

Lokalpolitik findet sich – mangels anderer geeigneter Kategorie in der von Haas verwendeten Systematik – in der Kategorie „gesellschaftliche Subsysteme“. Diese Kategorie macht im Durchschnitt ein Viertel aller Beiträge in den untersuchten lokalen ­Wochenzeitungen aus und wird von Haas zusammen mit „Politik“ und „Wirtschaft“ zu den gesellschaftspolitisch relevanten Themen gezählt. „Politik“ nach der von Haas verwendeten Definition bedeutet nämlich im Wesentlichen nur internationale und nationale Politik; Gleiches gilt für den Begriff „Wirtschaft“. All diese Definitionen sind übrigens im hinteren Teil der Studie der FH St. Pölten nachzulesen.

Insgesamt kommen die untersuchten lokalen Wochenzeitungen auf einen durchschnittlichen Anteil an laut Haas gesellschaftspolitisch relevanten Beiträgen von rund einem Drittel – womit sie sich in guter Gesellschaft mit einer Reihe von heute pressegeförderten Kaufzeitungen befinden.
Für eine sachliche Diskussion über eine Reform der Presseförderung wäre es daher wünschenswert, nicht nur ­einzelne Zahlen aus dem Zusammenhang gerissen zu verwenden, sondern wissenschaftliche Untersuchungen zur Gänze zu lesen, auch wenn das nicht immer leicht ist.

Dieter Henrich, Geschäftsführer des VRM
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