Soziale Medien fördern Verständnis-bereitscha...
 

Soziale Medien fördern Verständnis-bereitschaft? Leider nein …

Kolumne von Walter Braun

Der britische Schriftsteller Nick Hornby gestand, dass er die Zeit vermisst, als es nur zwei TV-Kanäle gab. Populäre Sitcoms wurden damals praktisch von jedem gesehen; die besten zogen 15 bis 20 Millionen Seher an. Als die sechste Staffel von „Mad Men“ ausgestrahlt wurde, folgten bloß 58.000 einsame Seelen den Eskapaden von Don Draper. Natürlich sind die Zahlen höher, wenn man zeitversetztes Fernsehen, Online-Streaming und DVDs dazunimmt – aber das gemeinsame Erleben ist weg, damit auch der gemeinsame Diskurs.

Diese Entwicklung wird als „Ermächtigung des Konsumenten“ bejubelt, der vom starren Sendeschema befreit ist. Was ja auch stimmt. Andererseits sind wir soziale Wesen, innerlich so gebaut, dass wir Bestätigung für unsere Eindrücke suchen. Ein neuer „Mundl“ konnte einst eine halbe Nation dazu bewegen, ungeliebte Zustände in Debatten abzuarbeiten. Heute geschieht derlei in den sozialen Netzen. Dort zeigt sich aber ein besonderer Effekt: Balkanisierung.

Was einst ein engagierter Tierschützer war, wird in Sozialen Medien zum schäumenden Fanatiker. Wer in der Online-Wildnis am lautesten brüllt, erhält die größte Aufmerksamkeit – und fühlt sich so ermuntert, noch extremere Forderungen zu stellen. Früher sorgte man sich um  Großwild in Afrika, heute werden sie vor Zorn halb ohnmächtig, wenn ein Angler einen Wurm aufspießt.

Extremismus führt zu Isolation, abgekapselte Fraktionen sehen ihre Identität gefährdet, sobald jemand bloß Zweifel äußert. Dann werden Trolle von der Leine gelassen. Deswegen werden Rufe nach einem Bannfluch des Gesetzes lauter. Oder kommt eine globale Datenbank für abweichendes Verhalten?

Online-Plattformen erlauben eine Aufsplitterung in Stämme, die sich im Vor-Internetzeitalter nie getroffen hätten. Social Media haben etwa zwei Milliarden  Mitglieder, die sich alle scheinbar frei äußern. Der Rudeldrang motiviert aber, Gleichgesinnte zu suchen. Interessengruppen und ihre Anliegen werden enger und enger, während die gesichts- und folgenlose Digitalwelt Intoleranz und  Sektierertum fördert. Die Balkanisierung  scheint unaufhaltsam zu sein.

So bemerkte Curtis Hougland, Chef der Sozialmarketingagentur attentionusa.com, kürzlich: „Das Ökosystem der Sozialen Medien basiert darauf, dass User mehr von dem, was sie ohnehin mögen, erhalten.“ Und die Welt folgt nach, benimmt sich zunehmend wie die Nutzer von Sozialen Medien.
Diese Entwicklung ist alles andere als harmlos. Die globale Annäherung durch weltweite Kommunikation führt in Wirklichkeit zu einer instabilen Welt. Houglands Conclusio: „Soziale Medien sind die neue Frontlinie für Stellvertreterkriege auf der ganzen Welt.“

[Walter Braun]
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