Sind mehr Singles ein Zeichen?
 

Sind mehr Singles ein Zeichen?

Kolumne von Walter Braun

Eine Übergangszeit. Alte Gewissheiten überzeugen nicht länger, neue haben sich noch nicht herauskristallisiert. Der ausgeprägte Hang zum Alleinleben in der westlichen Welt und in Japan ist ein Unsicherheitsphänomen. Würde sich die derzeitige Entwicklung linear fortsetzen, dann lebten wir alle in sterbenden Gesellschaften. Doch gesellschaft­liche Trends kehren an Extrempunkten immer um. Während in vielen Regionen Europas gewollte Kinderlosigkeit zu einem Problem geworden ist, erlebt Großbritannien völlig überraschend einen Baby-Boom. Und das in konjunkturell schwierigen Zeiten, wo sonst Kinderwünsche auf die lange Bank geschoben werden.

Auch Ehelosigkeit ist – aus ­gesamtgesellschaftlicher Perspektive – nicht so unproblematisch wie oft dargestellt. Seit alters her ist bekannt, dass Frauen Männer zivilisieren. Aber die Bereitschaft, sich ändern zu lassen, zeigen Männer eher in Ehen (mit Kindern) – reine „Konsumgenossenschaften“ haben nicht denselben pädagogischen Effekt. Detto lernen Frauen von ihren Kindern, was bedingungslose Liebe ist. Eine Gesellschaft, die mehrheitlich aus beziehungs- und anhangslosen Individuen bestünde, würde vor allem eines befördern: übersteigerten Selbstbezug, resultierend in einer Gemeinschaft mit nur schwachem Zusammenhalt. In schwierigen Zeiten sind wackelige Sozialstrukturen nicht widerstandsfähig genug.

Vor einigen Monaten gab es in den USA ziemliche Aufregung, als ein Bericht der Centers for Disease Control and Prevention mit alarmierenden Zahlen anrückte: Dass nun mehr Menschen durch eigene Hand sterben als bei Verkehrsunfällen – besonders bei den 45- bis 64-Jährigen ist die Anzahl drastisch gestiegen. Diese Entwicklung hat nichts mit den aktuellen Wirtschaftsschwierigkeiten zu tun, da schon seit 1999 Jahr für Jahr mehr Selbsttötungen registriert werden. In der gesamten entwickelten Welt war das Jahr 2010 eine Art Schwelle: Seither ist in der Altersgruppe 15 bis 49 Jahre ein freiwilliges Aus-dem-Leben-Scheiden der häufigste Sterbegrund – mehr als die Opfer infolge von Krieg, Mord und Naturkatastrophen zusammengenommen.

Die US-Forscher befürchten, dass die wahren Zahlen beträchtlich höher liegen (viele Selbsttötungen werden als ‚Unfall‘ registriert) und dass sich die Situation noch verschlimmern könnte. Wie erklärt man inmitten von Frieden, Wohlstand und nie da gewesenem so­zialem Fortschritt so viel Verzweiflung? Ein Weiser im alten China hatte angemerkt: Menschen, die ohne besonderen Grund zusammenkommen, verlassen einander auch ohne besonderen Grund. Das kann nur in tiefer Traurigkeit enden. Selbst ein allumfassender Sozialstaat scheint wenig Schutz gegen anwachsende Ängste und Depressionen zu bieten. Vereinzelt regen Sozialphilosophen gar eine Abgabe von Glückspillen und deren zwangsweise Einnahme an … (Mehr dazu im Bestseller 7/8, der am 30. August erscheint).

[Walter Braun]
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