Shared Economy und Eigentums-fetischismus
 

Shared Economy und Eigentums-fetischismus

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Jenseits des HORIZONT

„Wenn du nicht dafür zahlst, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt, das verkauft wurde.“ T-Shirts mit diesem Aufdruck werden derzeit tausendfach gekauft. Die Aussage ist von Andrew Lewis, einem der Pioniere des Web. YouTube führt nunmehr Paywalls für seine Channels ein. Amazon beginnt mit Erfolg, eigene Serien zu produzieren – aus den Kreationen, den seine Eletronic Writers liefern. Die Deutsche Telekom hat – unter Massenprotesten – eine Drosselung der Datentransfergeschwindigkeit und Bandbreiten ab einem bestimmten Volumen angekündigt. Wer mehr will, muss mehr zahlen. Basta.

Die Gratiskultur zeigt ihre böse Fratze. Der User ist zur Ware geworden, zum Objekt, über das man alles weiß. Er ist das Kapital, das an den Börsen hoch gehandelt wird. Das Kapital von YouTube, Google, Amazon & Co. Je mehr der – vermeintliche – Gratisnutzer konsumiert, postet, „like“-t oder bestellt, umso mehr wissen die Anbieter. Umso präziser kennen die Händler und Produzenten ihre Kunden. Umso raffiniertere Direct-Marketing-Strategien können entwickelt werden. Sie gehen nur nicht immer auf.

Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt funktioniert das inverse System scheinbar. Bis dahin, da die Unternehmen bemerken, dass selbst die raffinierteste Strategie nicht zu mehr Absatz führt. Weil die Produkte nicht gut oder sexy sind. Weil die vermeintliche „Ware“ Kunde nicht kaufen will. Dann bricht das Kartenhaus zusammen. Auch die Börsen crashen. Und man kehrt wieder zu alten, bewährten Zahlungsmodellen oder zum kombinierten Offline-System retour. Siehe YouTube. Siehe die physischen Shops von amazon. Siehe die Auseinandersetzung um die Netzneutralität.

Die re:publica, die viel von ihrem anarchischen, demokratischen Impetus verloren hat und immer mehr zu einer Marketing-Veranstaltung wird, ist Beleg. Auch der offene Diskurs kann zur Ware werden. Wer diese Entwicklung wieder einmal verschläft, sind die klassischen Zeitungen. Sie lassen sich bald auch die Content-Expertise nehmen. Weil sie Human-Ressourcen sparen, anstatt ihre Strategie zu verändern. Verlierer und Schläfer sind die sogenannten Agenturen, die Kreativen. Weil sie sich von den Media-Buyern haben erdrücken lassen, Kreativität als Sprengkraft verkommen ließen.

Die tiefe Krise der klassischen Kommunikation ist selbst gemacht. Das Down des klassischen Advertising ist eine Folge des verlorenen Mutes und der selbsterfüllenden Selbstrücknahme.

Die Wirtschaft kommt nun langsam wieder darauf, dass nur Wert hat und konsumiert wird, was etwas kostet. Die Musikindustrie hat nach Jahren des aussichtslosen Kampfes gegen die Piraten kapiert, dass man auf neue Methoden des digitalen Vertriebs setzen muss. Und beginnt wieder, Gewinne zu schreiben. Dank Amazon, YouTube und Spotify, die sind alles andere als gratis.
Und die Telekoms dieser Welt müssen differenzierte Tarife verlangen, weil sie sonst keine Netze aufbauen können. Diese Netze wieder brauchen Anbieter wie Google, YouTube & Co. Gratis, finito. Der Konsument bleibt dennoch Ware. Und zahlt damit doppelt, auch wenn er vermeintlich umworben wird. Wann werden unsere Verlagshäuser das begreifen?

[Jenseits des HORIZONT]
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