Selbstgerechte Unabhängigkeitswächter
 

Selbstgerechte Unabhängigkeitswächter

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Jenseits des HORIZONT

Der ORF-Ethikrat wird bisweilen mit Einreichungen konfrontiert, die an der Ethik der Petenten zweifeln lassen, ob es nicht doch Häme sei: Zunächst galt es, zu einem Gastvortrag des ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz bei einer VP-Versammlung Stellung zu nehmen – der im Übrigen mit der Geschäftsführung des ORF abgestimmt war. Gleichzeitig – als ob man dem Proporz Genüge tun sollte – war ein Gastauftritt des Korrespondenten El-Gawhary bei einer SP-Klubveranstaltung sowie der Anwurf, dass Mari Lang bei einer Veranstaltung des SP-Parlamentarierclubs moderiert habe.
Die beiden Erstgenannten waren – nebenbei bemerkt – Journalisten des Jahres, was einige ORF-Kollegen vielleicht weniger gefreut haben mag, als sie in der Öffentlichkeit darstellten.

Neid: Hinter der Fassade des ORF-Redakteursrats, der sich als Wächter der Unabhängigkeit inszeniert und gerne auf das Statut und den Verhaltenskodex für ORF-Journalisten verweist, dürften sich ähnliche Rankünen abspielen, wie man sie in der ORF-Geschäftsführung, im Stiftungsrat und in den Auseinandersetzungen mit der Regierung wahrnehmen möchte.
Der ORF-Redakteursrat setzt sich – mit Recht – engagiert für die Unab­hängigkeit der ORF-Redakteure ein. Schließlich ist sie der Kern der Kompetenz und Glaubwürdigkeit der größten heimischen Informationsmaschine.
Die beiden ORF-Korrespondenten El-Gawhary und Wehrschütz sind in der breiten Öffentlichkeit bekannt: Stars, möchte man sagen. Beide sind sie ausgeprägte Individualisten, verfügen über die Gabe, Zusammenhänge einfach – manchmal vielleicht verkürzend – darzustellen und beherrschen die Kunst der Narration. Beide agieren unkonventionell. Das mag einige Kollegen stören. Vor allem die mausgrauen Wächter der Objektivität und selbstgerechten Hüter des Wahren.

Beide Korrespondenten haben eine politische Meinung, die eigentlich in den Berichten durchschimmert. Gerade das ist Teil ihrer Qualität. Wehrschütz hat eine politische Biografie. Er war unbequem bis skurril, als er sich für den ORF Generaldirektor bewarb.
El-Gawhary ließ sich sichtbar von der Euphorie des ägyptischen Aufstandes anstecken und tat sich dann schwer, die ernüchternden Konsequenzen distanziert zu kommentieren.

Eine Stärke des ORF ist – vor allem des ORF-Radios mit seinen Morgen- und Mittagsjournalen –, sich immer wieder dem Diktat der meinungslosen Objektivität zu entziehen. Das macht das Medium wertvoll. Und spannend.Dass Politik das immer noch nicht verstanden hat, verwundert angesichts des Niveaus der politischen Klasse in Österreich und deren Usurpationsgehabe gegenüber dem ORF nicht.

Dass aber ein Redakteursrat, der für die Individualität und die gelegentlichen Individualismen der Kollegen kämpfen sollte, zum selbstgerechten Gerechtigkeitsfetischisten wird, ist bedenklich bis lächerlich. Mit dieser Wächtermentalität gerät man in Nähe dessen, was man bekämpfen wollte: in Parteilichkeit und ideologische Meinungslosigkeit.
Recht haben heißt lange noch nicht gerecht zu sein. Borniertheit hat wenig Charme.

[Jenseits des HORIZONT]
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