Schmutzwäsche durch digitale Wäscheschleuder
 

Schmutzwäsche durch digitale Wäscheschleuder

Kommentar von Walter Braun

Das Thema Geheimhaltung versus Recht auf Wissen wird die westlichen Demokratien zunehmend plagen. Kürzlich nahmen eine Reihe von Zelebritäten in England einen spezialisierten Anwalt zu Hilfe, der als PR-Service richterliche Unterlassungen erwirkt. Diese sogenannten „Super Injunctions“ sollten, so träumten die Richter, weltweite Gültigkeit haben.

Nun wussten aber eine Reihe von Leuten, dass ein sehr bekannter und verheirateter Fussballer, der enorme Werbegelder mit seinem Saubermann-Image verdient, eheliche Seitensprünge pflegt. Eine englische Zeitung hatte Beweise und wollte die Affäre auffliegen lassen; ein Richter untersagte es. Darauf verriet ein Journalist den Namen via Twitter. Und gleich darauf verbreiteten 50.000 Zwitscherer in Windeseile den Namen des Schürzenjägers in der Digitalsphäre. Das wiederum nahm eine schottische Sonntagszeitung zum Anlass, die ganze Sache auf der Titelseite zu berichten.

Kann man den Twitter-Journalisten gerichtlich belangen? Kaum. Er musste weder wissen, dass eine Verfügung existiert, noch, wen sie betrifft (in der Verfügung wird der Name ja nicht genannt). Zudem: Haben nicht Sponsoren ein Recht darauf, zu erfahren, ob der prominente Name, in den sie Millionen investieren, um ihn mit der eigenen Marke zu assoziieren, das Geld wert ist? Der französische Regierungschef Nicolas Sarkozy mahnte kürzlich, das Internet könne nicht ein „Paralleluniversum“ werden oder die Demokratie ersetzen.

Doch genau das passiert: Wer ist sich schon bewusst, dass eine scheinbar intime Konversation auf Facebook im Grunde in einer Nebenwelt in aller Öffentlichkeit stattfindet? Wer weiss eigentlich genau, welche privaten Daten von kommerziellen Informationssammlern gehortet werden? Es sind nicht die staatlichen Terrorismusjäger, die uns durchleuchten, sondern Firmen, deren Namen Sie und ich noch nie gehört haben (oder kennen sie Acxiom, die Aufzeichnungen von 500 Millionen Menschen in ihren Datenbanken besitzen?). Die speichern nicht bloss E-Mail-Adressen, sondern bis zu 1.500 „Datenpunkte“ über alle Besucher der Onlinewelt, deren sie habhaft werden können.

Es wird zunehmend Gewohnheit bei großen Web-Anbietern, Besuchern jede Menge Verfolgungssoftware unterzujubeln (laut Wall Street Journal setzen die top 50 US-Websites im Schnitt 64 Verfolger ein!). Geben Sie in Google eine Suchabfrage ein und lassen Sie exakt dieselbe vom Computer Ihres Nachbarn raus: Die aufscheinenden Ergebnisse können durchaus unterschiedlich sein, weil Google Suchen mehr und mehr personalisiert und an bisherige Abfragen anpasst.

Enthüllung privater Daten wird bald zu einer Web-Währung werden, deren Besitz und Kontrolle große Reichtümer versprechen. Je mehr wir unser Leben in den Cyberspace verlegen und je mehr wir nach Bequemlichkeit agieren, umso stärker sind wir online entblößt … ohne es zu bemerken.

Lesetipp: The Filter Bubble: What the Internet is Hiding From You, von Eli Pariser, Verlag Viking.

Walter Braun
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