Rindfleisch, Amazon und Leistungsschutz
 

Rindfleisch, Amazon und Leistungsschutz

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Jenseits des HORIZONT

Die Empörungsgesellschaft kennt keine Grenzen. Leiharbeiter bei Amazon. Unerträgliche Arbeitsbedingungen. Ganz Deutschland rebelliert. Keiner will mehr bei Amazon bestellen. Das Gute liegt so nah. Leider gibt es zu wenig Buchhandlungen um die Ecke mit ausreichendem Sortiment und 24 Stunden Öffnungszeiten. Die Konsumgesellschaft erstickt an den eigenen Usancen. Alles gleich und sofort. Das widerspricht dem Boykott. E-Book statt physisches Buch. Praktisch. Der Haken: Auch Reader und Content gehören Amazon. Wer einmal Kindle hat, muss immer Kindle haben, oder der Content, für den er bezahlt hat, geht verloren. Merke: Große Unternehmen, gleich­gültig, ob sie Google, Apple oder Amazon heißen, haben den Drang, zuerst nach Wettbewerb zu rufen, diesen dann auszuschalten und letztendlich Monopol zu sein. Wissensmonopol wie Google, Vertriebsmonopol wie Amazon, Info- und Entertainmentmonopol wie Apple. Und alle sind sie – trotz gegenläufiger Beteuerung – Verfechter geschlossener Systeme. Ohne Closed System kein Monopol. Und die Cloud ist weit weg. Die Cloud – eine liebenswerte Spielwiese der Scheinfreiheit und Autochthonie. Die Wutbürger protestieren dennoch. Weil Protest auch ästhetischen Genuss verspricht und Zeit vertreibt. Dutzende TV-Talks, ein paar symbolische Verweigerungen vielleicht.

Der nächste Blick auf die Entrüstungsskala: Nach Pferdefleisch und Amazon. Ein paar luxuriöse Aufrufe zu Fairtrade: H&M ruft zur Altkleiderrückgabe auf (man bekommt sogar Warengutscheine dafür). Menschen entmotten Kleiderschränke und kaufen den nächsten proaktiven Abfall bei H&M. Das hält immerhin den Wertschöpfungskreislauf aufrecht. Man fühlt sich gut, rebellisch und kritisch. Kein undeklariertes Fleisch mehr. Das ist korrekt. Der österreichische Minister verlangt eine Fleischdatenbank: „Es muss verzeichnet sein, wo das Fleisch gemacht wird.“ Der Lapsus ist selbstverräterisch. Der Gesundheitsminister definiert Fleisch per se als Artefakt. Der deutsche Entwicklungsminister spricht sich dafür aus, die eingezogenen Lasagnen und Spaghetti an die „Bedürftigen“ zu verschenken, totes Pferd zu Almosenempfänger. Zynischer geht es wohl nicht mehr.
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