Resozialisierungs-Tugend
 

Resozialisierungs-Tugend

Glosse von Philipp Wilhelmer

ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner, die in dieser Zeitung in den vergangenen Wochen unerhört viel Lob abbekommen hat, hat aus der Rapper-Not eine Resozialisierungs-Tugend gemacht: Jener Mann, dessen Namen wir hier nicht mehr nennen wollen, weil er die Leser genauso nervt wie uns, also jener ORF-Star, der gewalttätig wurde und einen anderen ORF-Nervtöter ­attackierte, wurde zum Musterbeispiel  dafür gemacht, wie Resozialisierung funktioniert. Zechner hat sich in einer einsamen Entscheidung zum Richtigen entschlossen: Sie ließ zu, dass sich der Täter entschuldigte und damit auch jenen als Vorbild diente, die nach Gewalt riefen und zum Mobbing aufriefen. Damit hat der Rapper endlich eine Rolle zugewiesen bekommen, die sein Dasein im öffentlich-rechtlichen Programm trotz kolportierter Kifferei und Großmannsposen rechtfertigt.

Wenn man schon einen Vertreter der sprichwörtlichen Gosse auf den Fernsehschirm holt, dann soll dieser wenigstens ein Signal dorthin zurückschicken, das Sinn macht: Es gibt ­genügend Familienväter, die zuschlagen, Machos, die prügeln, Jugendliche, die entgrenzt brutal werden. Dass sie bestraft werden, ist üblich, dass sich die Täter entschuldigen, kommt seltener vor.

Der moderne Rechtsstaat wendet sich schon seit den 1970er-Jahren von der „Auge um Auge“-Logik in der Rechtsprechung ab und setzt an ihrer statt Maßnahmen, die den Täter wieder möglichst gut integrieren und dem Opfer Wiedergutmachung bieten.  Höchste Zeit, dass der ORF auch dafür eine Bühne bietet.
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