Quatsch quillt aus allen Kanälen
 

Quatsch quillt aus allen Kanälen

Kolumne von Walter Braun

Rundherum scheint ein Gefühl von Endzeitstimmung zuzunehmen. Alles beschleunigt sich, bloß um der Beschleunigung wegen. „Ständig neu“ hat zu einem Tsunami von totalem Dreck geführt – Nutzlosmeldungen und Nutzlosprodukte wechseln einander ab. Die aktuellen Trends sind seicht und sinnlos; deren einziger Zweck besteht darin, sich selbst zu promoten. Wer braucht Meggings (male leggings)? Ist der No-make-up-Selfie eine Zivilisationserscheinung? Hoverboards? Hipster-Bärte mit Glitzer? Kim-„Kartrashian“-Nacktfotos? Katzencafes? NekNominate – Besäufnis zum Online-Angeben? Lauter Unsinn, großteils importiert aus Los Angeles und New York.

Spiegelbildlich breiten sich unredigierter „Content“ und „Klickköder“ statt echtem Journalismus aus. Weil heute jeder, der mit der Handykamera Licht einfängt, sich als Fotograf fühlen darf, und jeder, der ein paar Silben auf Twitter zusammenstottert, sich als Schreiber wähnt. Vielleicht ist das kein Endzeitzeichen, sondern der Beginn von etwas Neuem: dem Bullshit-Zeitalter!?

Viele Digitalmedien, die selbst keine ordentlichen Reportagen produzieren, grasen das Web auf die aktuellsten Aufreger hin ab. Das Twitterat erregt sich über einen Twitter-Bot von Microsoft, der mit Malware gefüttert worden ist? Pah. Ist einem echten Redakteur einen Absatz wert. Nicht so in der Ködersphäre, da bläst sich so eine Geschichte von selber auf; was zählt, ist ja bloß die Menge aktueller Klicks. Wenn Verlage ähnliche Rechenverfahren einsetzen, kommen sie vom Datenfang im Net alle mit demselben Flachsinn zurück. Informationen werden endlos repliziert, neu verpackt und hinaus gejagt.
„Die Besessenheit mit Klickködern frisst den Journalismus auf“, diagnostizierte kürzlich ein angesehener Medienberater. Gibt es einen Weg für Digitalmedien aus diesem Sumpf? Nicht für Tageszeitungen, wie es scheint. Der so oft gelobte Guardian, immer vorne dabei bei medialen Digital­trends, verbrennt rund 1,3 Millionen Euro. Pro Woche! Die Werbeerträge sind zu gering, und Digitalabos haben sie nie eingeführt. Jetzt hoffen sie auf einen Sympathisantenklub und freiwillige Unterstützungen. Damit lassen sich bestenfalls Nischenprodukte finanzieren, sicher nicht Tageszeitungen, die thematisch auf allen Hochzeiten tanzen. Ohne einer fantastisch dotierten Stiftung im Hintergrund (zurzeit circa 900 Millionen Euro schwer), hätte der Guardian schon längst die Tore schließen müssen.

Qualitätsjournalismus im Net ist im großen Tageszeitungsstil praktisch unfinanzierbar, während Klickköder-Medien jede Werthaltigkeit zerstören. Mögliche Lösung: Man zieht eine redaktionelle Trennwand ein und verkauft Abos für geschützte Qualitätsware, während die Klickfangabteilung auf Reichweitenjagd geht und sich mit programmierten Werbeplatzierungen zum Billigsttarif zufrieden gibt.
Qualität = Bezahlen muss wieder fest in Verbraucherköpfen verankert werden.

[Walter Braun
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