Provinziell, europäisch oder einfach chauvini...
 

Provinziell, europäisch oder einfach chauvinistisch

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Jenseits des HORIZONT

Natürlich ist an allem die EU schuld. Reflexartig wird Schuld delegiert. Als ob die EU ein Konstrukt wäre, etwas, mit dem wir nichts zu tun haben. Das Über-Ich, der Übervater, gegen den man sich auflehnen muss, um ihn zu töten. Sigmund Freud hätte seine Freude daran.

Natürlich ist der zügellose Finanzkapitalismus schuld, dass wir jetzt in der Misere sind – und nicht jene unbedarften Bank- oder Kommunalmanager, die ihren Klienten und Bürgern weismachen wollten, dass man mit Geld Geld verdienen könne. Dass Geld nicht Geld verdienen kann, hat schon Marx gewusst. Freud spricht von Wieder­holungszwang.

Natürlich sind die bösen Ö3-Musikquotenzähler schuld, dass es zu wenig österreichische Musik im Radio gibt: auf Ö3 und in den Regionalradios. Kein Wunder, dass so keine österreichische Identität entstehen kann. Und die EU abgelehnt wird. Der sympathische, eigenwillige – und meines Erachtens geniale – Musiker Ernst Molden schrieb kürzlich: „Ich wurde 20 Jahre lang nie, nie, nie auf Radio Wien gespielt, auf Ö3 sowieso nicht. Aber für Musiker ist es gut, dort nicht vorzukommen. Man fällt nirgends auf. Ö3, Radio Wien sind Geisterschiffe, die Junkfood verkaufen. Tja, können wir leider nicht brauchen.“ Sympathisch.

Natürlich ist Google schuld, dass ­unsere Zeitungen dahindarben. Das Über-Ich Google, dass Qualitätsjournalismus zu teuer ist, um ihn sich leisten zu können. Überhaupt, was ist Qualitätsjournalismus in Zeiten, da 70 Prozent der Jugendlichen ihre News ohnehin aus Facebook und Co. beziehen?

70 Prozent der Österreicher wissen nicht, wie die EU aufgebaut ist, was der Rat ist, das Parlament, welche Funktionen die Kommissare haben, welche Richtlinien (und nicht Gesetze) die EU beschließt. Das ist Tatsache. 80 Prozent wissen nicht, was eine Transaktionssteuer ist und was sie bewirken könnte. Was eine Bad Bank sei. Hingegen haben die Top Ten der Ö3-Charts flächendeckende Bekanntheit: Deshalb werden sie gespielt, oder sind sie deshalb so bekannt: Hase und Igel. Henne oder Ei. Irgendjemand hat schon Schuld, dass Wissen, Beliebtheit und Unwissen so ungerecht verteilt sind.

Nun fordern selbst ernannte Me­dienexperten mehr Österreichisches in den Mainstream-Sendern. Schließlich habe der ORF seinem Auftrag nachzukommen und österreichisches Kulturgut zu fördern. Gabalier beispielsweise. Oder vielleicht doch Olga Neuwirth oder Peter Ablinger, oder Attwenger, oder Johanna Wozny. Tatsache ist: Letztgenannte werden alle gespielt. Ausführlich. Auf Ö1. Regelmäßig kommen zeitgenössische österreichische Komponisten, Jazzer, Avantgardisten zu Gehör. Das ist Qualitätsprogramm und Qualitätsmusikjournalismus.

Aber die Genannten will man eh nicht hören. Ebenso wie man die EU nicht will, obwohl es die EU nicht gibt. Sondern eine Europäische Union, zu der wir uns bekannt haben. Nicht die EU hat uns usurpiert, wir haben sie angestrebt.

Vorurteile sind bequem. Vielleicht ebenso bequem wie die Feststellung, dass für Qualitätsjournalismus kein Markt da sei. Was in sich schon ein ­Widerspruch ist. Qualitätsjournalismus ist marktkritisch. Dafür kann die EU nichts.

[Jenseits des HORIZONT]
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