Protect me from what I want
 

Protect me from what I want

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Jenseits des HORIZONT

Kontrolle und Freiheit bilden heute keinen Gegensatz mehr, schreibt der Medien- und Kommunikationsphilosoph Byung-Chul Han, einer der faszinierendsten Denker heute, in seinem demnächst erscheinenden Buch. „Die Bewohner des digitalen Panoptikums kommunizieren intensiv miteinander und entblößen sich freiwillig. So bauen sie aktiv mit am digitalen Panoptikum. Die digitale Kontrollgesellschaft ist nur möglich dank freiwilliger Selbstausleuchtung und Selbstentblößung.“

Die Freiheit wird womöglich nur eine Episode gewesen sein. Han ortet eine neue Macht. „Sie ist eine smarte Macht mit freiheitlichem, freundlichem Aussehen, die anregt und verführt und nicht androht und verordnet. Die smarte Macht liest und wertet unsere bewussten und unbewussten Gedanken aus … ihre besondere Effizienz rührt daher, dass sie nicht durch Verbot und Entzug, sondern durch Gefallen und Erfüllen wirkt.“

Ein Kapitalismus des Like, die perfekte digitale Psychopolitik. Big Data weiß, was wir in Zukunft wollen, weil wir ihm sagen, was wir in Zukunft möchten. Offenheit gibt es nicht mehr.

Offenheit ist aber konstitutiv für Freiheit. Han spricht ein Problem an, das die radikale Bedrohung des Big Data und des neuen Herrschaftswissens ist. Web und die globale Wissensvernetzung sind nicht technologische Gefahr, die Monopole des Wissens, die entstehen, nicht nur eine neue Form eines zügellosen Kapitalismus und das Ende des freien Wettbewerbs. Sie sind das Ende der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung.

Es geht vor allem um eine politische Dimension. Nur auf politischer Ebene kann den Giganten wie Google, Amazon und Co., den sozialen Netzkraken wie Facebook und Co. begegnet werden. Solange sich Politik weiter aus dem Politischen verabschiedet und zum Management des Alltags verflüchtigt, zur Gestion und Verwaltung von Zuständen, wird sie diesem digitalen Panoptikum nichts entgegenzusetzen haben. Sondern hinter allem hinterherhecheln, reparieren, was ausfällt, die schwindende Macht verwalten und so tun, als ob sie Interessen der Bürger verfolge.

Informationelle Selbstbestimmung ist wesentlicher Teil der Freiheit. Das ist es, was Politik zu garantieren und wofür sie einzustehen hat. Politik muss das ­digitale Panoptikum zerschlagen. Darüber müsste die politische Klasse debattieren. Und nicht kleingeistig über Steuergesetze, Leistungsschutz- und Urheberrechte, die im digitalen Zeitalter nicht mehr reparabel sind oder über Drosselung von Bandbreiten, Strafen für illegale Downloads et cetera.

Solange Politik dem Mythos der totalen Transparenz erliegt und glaubt, durch Schutzgesetze das Individuum zu retten, tut sie exakt das Gegenteil: Sie entmündigt, verkommt zum Büttel derjenigen, die totale Datenhegemonie fordern und macht sich selbst überflüssig.

Wo Freiheit nur mehr durch eine unendliche Kette von Reglementierungen zu sichern scheint, wird sie zum Gegenteil ihrer selbst. Mit informationeller Selbstbestimmung hat das nichts mehr zu tun. Weil wir gar nicht mehr wissen, was Selbstbestimmung ist. Dann aber war Freiheit wirklich nur eine Episode.

[Jenseits des HORIZONT]
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