profil im Spiegel
 

profil im Spiegel

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Editorial, HORIZONT Nummer 18.

Österreichs bedeutendstes, jedenfalls aber ältestes Nachrichtenmagazin schlittert in die Belanglosigkeit. Wohl noch nie hat ein Nachrichtenmagazin seine Existenzberechtigung so eindrucksvoll hinterfragt wie "profil" in seiner Ausgabe Nummer 18 vom 3. Mai 2010. Die Auswahl der Geschichten in diesem Heft (getroffen von wem eigentlich?) ist im Wesentlichen eine Bitte der Redaktion um alsbaldige Liquidation. Nun sind die Seiten ja nicht wirklich uninteressant. Aber was macht "profil" daraus?

Hier eine repräsentative Übersicht: Über insgesamt 7 (in Worten: sieben) Seiten – das entspricht nahezu neun Prozent des gesamten redaktionellen Inhaltes – schreibt "profil" eine Story über die Tatsache, dass einer der Polit-Redakteure des Magazins sich als ganzkörperverschleierte Muslima unter anderem ins Wiener Schweinsstelzen- und Bierparadies „Schweizerhaus“ begibt. Originell. Mit Ausnahme vielleicht der Tatsache, dass sie das früher bei "Basta" und "Wiener" besser gemacht hätten. Kann man sich eine derartig primitive Boulevard-Masche bei "Time", "Economist" oder auch nur beim "Spiegel" vorstellen? Schwerlich.

Wenige Seiten später darf dann Herr Lingens beklagen, dass er ein paar Wochen zuvor während der ORF-Diskussionssendung „Club 2“ „nicht über mehr als zwei, drei Sätze […] hinausgekommen […] ist“. "profil" gibt ihm dafür eine Doppelseite – unbeschadet der Tatsache, dass sich Lingens im gleichen Blattbereits eine Woche früher über dieselbe Malaise beklagen durfte. Abgesehen davon, dass der – freundlich gesagt – skurrile Stil die Frage aufkeimen lässt, ob bei "profil" Geschichten überhaupt noch gegengelesen werden. Offenbar nicht, denn die oberste Kontrollinstanz, den Herausgeber Christian Rainer, drängte es diesmal ebenfalls dazu, in die Tasten zu hauen.

Das Ergebnis: Ein Fünf-Seiten-Interview mit einem Segel-Sportler. Offenbar einziger Grund: Die Geschichte ist deshalb ins Blatt gekommen, weil sie in Rainers Heimat am Traunsee stattfand. Bei so viel Selbstbeschädigung fragt man sich, wie es so weit kommen konnte. Zumal das Angeführte ja nur die Spitze des Eisberges ist, der bereits seit vielen Monaten deutliche Konturen annimmt. Ein Grund liegt sicher beim Eigentümer, der immer härtere Sparkurse verordnet, um immer höhere Renditen in Hamburg abliefern zu können. Immer weniger müssen immer mehr produzieren, da greift man dann – verständlicherweise – gerne zum einfach Machbaren.

Aber die ganze Schuld am Niedergang des bedeutendsten Magazin-Journalismus Österreichs allein auf Oliver Voigt abzuwälzen, wäre zu kurzgegriffen.Was ist es aber dann? Die Antwort findet man an ungewöhnlicher Stelle: "Flair", ein Lifestyle-Produkt, gemacht von einer Bankdirektors-Gattin für Geschlechtsgenossinnen in ähnlicher Situation, gibt dies ein der wohl bemerkenswertesten Enthüllungsgeschichte des laufenden Jahres. „A Single Man“ heißt das Porträt über Dr. Christian Rainer, der – so "Flair" – „mit profil das intellektuelle Sprachrohr Österreichs dirigiert“.

Wir erinnern uns: „Mit der Burka zum Stelzenwirt“, „Mit dem Segler am Traunsee!“Das Dekuvrierende ist jedoch die Tatsache, dass der Autor es über fünf Seiten lang nicht schafft, demporträtierten Intellektualitäts-Dirigenten auch nur ein einziges Wort über seinen Beruf oder über seine journalistischen Visionen zu entlocken. Obwohl er sich offenbar redlich darum bemüht hat. Stattdessen legt Rainer einen Seelenstrip hin: Welche Partys besucht er, in welchen Restaurants mixt er sein Lieblingsgetränk (Antwort: Cuba Libre) für welche seiner Freunde? Mit welchen Frauen ging er – und geht er aktuell – ins Bett? Was denken die dann über ihn? Wer sind überhaupt die idealen Frauen für Rainer? (Antwort: Schauspielerinnen.) Und – last but sicherlich not least – welche Ferraris fährt er? Undwelche Farben haben deren Ledersitze? (Antwort: rot.) Noch selten gab es eine brutalere Beschreibung einer Selbstpositionierung. Das Ergebnis können Sie lesen – im "profil".
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