Prölls Rechnung
 

Prölls Rechnung

„Ich habe 23.901 Euro Schulden.“

„Ich habe 23.901 Euro Schulden.“ Dazu das Gesicht eines Kleinkindes, das große Augen macht. Mit dieser Printanzeige, die kürzlich in mehreren Zeitungen erschienen ist, will uns das Finanzministerium also auf neue Steuern, die da wohl bald kommen werden, einstimmen. Die Reaktionen auf das Werbesujet, das uns auf 198 Milliarden Euro Staatsschulden aufmerksam machen soll, waren massiv: Die Opposition tobte und auch die Zahl der Postings im Web zeugt von einem hohen Impact. Werbetechnisch also ein Erfolg. Dennoch geht Josefs Prölls Rechnung nicht auf, bewirkt doch die Kampagne genau das Gegenteil von dem, was der Absender erzielen wollte. Warum?

Kleinkinderlösen bei uns allen einen Beschützerinstinkt aus. Wenn jetzt das Finanzministerium einem Kleinkind eine Schuldenlast von knapp 24.000 Euro auflädt – dann kann das beim Betrachter nicht gut ankommen, und der Absender ist ein ganz Böser. Zweitens: Statistisch gesehen hat jeder Österreicher nicht nur einen Schuldenberg von 24.000 Euro, sondern auch ein Geldvermögen von 52.000 Euro. Womit man die von der Regierung gemachten Schulden ganz locker abzahlen könnte – zumindest, wenn man der Brachialarithmetik von Pröll folgt. Und drittens stellt die Kampagne der aktuellen Regierung und den vorangegangenen ein schlechtes Zeugnis aus: Denn gemacht haben die Schulden nicht wir – sondern die Politiker.

Dass es Regierungen gibt, die den Wohlstand ihrer Bürger auch ohne immer neues Schuldenmachen sichern können, zeigen unsere Nachbarn: In der Schweiz schreibt die öffentliche Hand seit dem Jahr 2005 schwarze Zahlen und erzielte im Jahr 2009 ein Plus von 1,9 Milliarden Euro. Also: Zuerst die finanzpolitischen Hausaufgaben erledigen und erst im zweiten Schritt die Österreicher mit einer solchen Kampagne vor den Kopfstoßen, die sie auch noch selbst bezahlen müssen.
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