Online leben wir auf dem Präsentierteller
 

Online leben wir auf dem Präsentierteller

Kommentar von Walter Braun

2011 legt mit einem Knalleffekt los. Zuerst verjagen die Bürger die ungustiöse Herrschersippe in Tunesien, dann wird Ägypten, das größte Land der arabischen Hemisphäre, in den Grundfesten erschüttert.

Auch wenn die Hoffnung auf ein erneutes 1989 vielleicht zu optimistisch ist, wird Geschichte geschrieben. Sogar in Sachen Kommunikationsmedien: Dass in Ägypten das Internet abgedreht wurde, ist bis dato einzigartig. Bekanntgeworden sind Störversuche von Web & Mobiltelefonie bei den Aufständen im Iran und in Burma. Aber der jüngste Vorfall ist von einem anderen Kaliber: Ägypten ist eine starke Ökonomie mit einer voll entwickelten Digital-Infrastruktur.

Das hat einige Beobachter nervös fragen lassen: Existiert der berüchtigte „rote Knopf“, mit dem man das Internet abdrehen kann? Laut Auskunft der Computersicherheitsfirma Arbor Networks, die den internationalen Datenverkehr beobachtet, haben schlicht einige Telefonanrufe zu den größten ISPs des Landes genügt, um einen „Roten-Knopf-Effekt“ zu erzeugen. Unser Glaube an die Unverwundbarkeit des Internet ist also pures Wunschdenken.

Schauplatzwechsel. In Großbritannien untersucht derzeit die Polizei, ob Journalisten der Sonntagszeitung News of the World (im Besitz der News Corp) in Voicemails von Prominenten und Politikern eingebrochen sind.

Von hier ist es kein weiter gedanklicher Sprung zu WikiLeaks: Gründer Julian Assange ist der Überzeugung, dass im 21. Jahrhundert jeglicher Versuch der Geheimhaltung zum Scheitern verurteilt ist. (Bereits 1999 hatte der Chef von Sun Microsystems orakelt: „Es gibt keine Privatsphäre mehr. Finden Sie sich damit ab!“)

Womit wir bei der Online-Werbung angelangt wären. Unternehmen wie Google und Facebook sind finanziell davon abhängig, dass sie die Privatsphäre ihrer Kunden durchlöchern und in vermarktbare Produkte umwandeln. Noch viel direkter machen dies Firmen wie Rapleaf: Sie sammeln Querverweise aus öffentlich zugänglichen Datenbanken und erstellen auf diese Weise erstaunlich intime Personenprofile, darunter, ob man auf Online-Pornografieangebote reagiert hat und ob man die Bibel liest (in den USA offenbar ein gewichtiges Thema). Sie besitzen sogar Privatadressen, Telefonnummern und EMail-Adressen, die sie von App-Anbietern auf Facebook gekauft haben, obwohl Facebook offiziell verbietet, diese Daten an Dritte weiterzugeben.

Damit schließt sich der Kreis zur Politik. Vor einem Jahr sagte Google-CEO Eric Schmidt in einem Interview mit CNBC sinngemäß: Wer will, dass etwas nicht bekannt wird, sollte es am besten nicht tun. Das sagte er wohl in Anspielung auf eine in den USA existierende Verordnung namens „Patriot Act“, derzufolge Firmen wie Google oder Rapleaf auf Verlangen der Regierung Informationen über das Onlineverhalten von Privatpersonen herausrücken müssen. Im Namen der Terrorverfolgung (und des Aufspürens von Steuersündern!?) ist alles erlaubt, so scheint’s, auch in Demokratien. Ist Online-Bequemlichkeit wirklich so viel wert?

w.braun@ntlworld.com
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