Offener Brief an Andreas Treichl
 

Offener Brief an Andreas Treichl

von Dr. Peter Drössler, Obmann Fachverband Werbung.

der Fachverband Werbung und Marktkommunikation in der Wirtschaftskammer Österreich drückt namens seiner Mitglieder Kritik am aktuellen Pitch zur Neuvergabe des Werbe-Etats der Erste Group aus.


Unser Verband ist die gesetzliche Interessenvertretung der heimischen Werbe- und Kommunikationsbranche und zählt mit seinen rund 25.000 Mitgliedern zu den fünf größten in der Verbandslandschaft der WKÖ. Nach Informationen aus Mitgliederkreisen und den in diversen Printmedien erschienenen Artikeln dazu möchten wir Sie darüber informieren, dass das Vorgehen rund um den aktuellen Pitch der Erste Group in der österreichischen Werbebranche sehr heftig diskutiert wird. Dieser Vergabeprozess wird von vielen Seiten geradezu als „moralisch unangemessen“ bezeichnet:


1. Die Erste Group ist ein Flaggschiff der österreichischen Wirtschaft. Die Erste Group ist einer der größten österreichischen Werbespender. Derzeit vergibt die Erste Group einen Werbe-Etat für Österreich und sieben mittel- und osteuropäische Staaten (Austria & CEE). Es gibt in Österreich nicht viele Werbebudgets, die in dieser Größenordnung von privaten Unternehmen vergeben werden. Aber:


2. Am 28. August 2009 hat die Erste Group vier Shortlist-Finalisten fixiert. Der Auswahl war ein Agentur-Screening-Prozess vorausgegangen. Ergebnis ist jedenfalls, dass sich auf dieser Shortlist zwei deutsche Agenturen (Hamburg/Berlin) befinden. Auch deren Netzwerksteuerung in CEE erfolgt nicht aus Wien. Die österreichische Werbebranche fürchtet, dass dieser wichtige Werbe-Etat in dieser schwierigen Zeit ins Ausland abfließen wird.


3. Selbstverständlich ist es einem privaten Unternehmen unbenommen, sich seine Geschäftspartner frei zu wählen. Ein österreichisches Vorzeige-Unternehmen wie die Erste Group hat jedoch eine wirtschaftspolitische und volkswirtschaftliche Verantwortung für den gesamten Unternehmer-Standort Österreich. Das wurde gerade auch zuletzt im Zuge der öffentlichen Diskussion rund um die Konjunkturprogramme der Österreichischen Bundesregierung vielfach diskutiert. Umso schwieriger ist es, nachzuvollziehen, warum österreichische Agenturen, die einen wesentlichen Beitrag zur Wertschöpfung in Österreich und damit zur Sicherung wichtiger Arbeitsplätze leisten, bei der Vergabe unbeachtet bleiben. Dass sich österreichische Agenturen hinsichtlich der Qualität der Kreation, der strategischen Kompetenz und ihrer Netzwerksteuerung in CEE durchaus auf internationalem Niveau bewegen, belegen nicht zuletzt zahlreiche internationale Awards, die diese Agenturen Jahr für Jahr bei renommierten internationalen Festivals gewinnen.


4. Die Erste Group hat im Zuge der Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise Staatshilfe in Milliardenhöhe in Anspruch genommen. Der Fachverband Werbung und Marktkommunikation vertritt die Auffassung, dass die Erste Group auch vor diesem Hintergrund eine moralische und wirtschaftliche Verantwortung gegenüber dem österreichischen Steuerzahler und der österreichischen Wirtschaft – einschließlich der österreichischen Werbewirtschaft – wahrzunehmen hat. Wenn Schlüssel-Etats ins Ausland abwandern, werden hochwertige Arbeitsplätze in Österreich gefährdet.


5. Andere österreichische Parade-Unternehmen zeigen erfolgreich, wie es mit österreichischen Agenturen und international agierenden Netzwerken als Unterstützung möglich ist, in Österreich und auf internationalen Märkten – insbesondere in Mittel- und Osteuropa – zu bestehen.


Heimische Agenturen haben entscheidenden Anteil daran, dass sich Österreich als hochentwickelter Kreativmarkt etabliert hat. Wir bitten Sie zu bedenken: Österreichische Banken und österreichische Agenturen sitzen im selben Boot. Beide Branchen sind moderne Dienstleister, die eine wichtige wirtschaftspolitische Rolle einnehmen.


Verstehen Sie, sehr geehrter Herr Dr. Treichl, unseren moralischen Appell in obigem Sinne.

Mit besten Grüßen,

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