Nun kommt die Presse­förderung von Google
 

Nun kommt die Presse­förderung von Google

Kommentar von Walter Braun

Dieser Tage kam es zu einem merkwürdigen Pakt: Google sagte bei einem öffentlichen Treffen mit dem französischen Regierungschef zu, die Presse in den kommenden drei Jahren mit 60 Millionen Euro zu unterstützen (siehe auch Seite 3). Rund 150 Websites, die Mitglied bei der französischen Pressevereinigung IPG sind, können sich bewerben. Dem Ereignis waren drei Monate zäher Verhandlungen vorausgegangen. Auf der einen Seite Medienhäuser, die argumentierten, dass Google sehr schöne Werbeeinnahmen mithilfe von Links zu ihren Nachrichtenplätzen verdient. Auf der anderen Seite die weltdominierende Suchmaschine, die mit computerhafter Logik dagegenhält, dass ohne Querverweishilfe von Google die Besucherzahlen auf Nachrichten-Sites erheblich geringer wären. Dass es nur unter Zuhilfenahme der Politik zu einer Einigung kommen konnte, besagt einiges über die wechselseitigen Animositäten. In der rechten Ecke ein leichtfüßiger, ideologiefreier Konzern, der seine Existenz schlauen Ingenieuren im Datenbergbauwesen verdankt; in der linken Ecke alteingesessene Zeitschriften, die mit beiden Beinen in der Politik stehen und gewohnt sind, staatliche ­Unterstützung ohne Gegenleistung zu erhalten.
Nun gibt es in der Tat Presseförderung von Google, aber mit Mascherln: Die zur Verfügung gestellten Gelder sind für die Entwicklung digi­taler Medienangebote zweckgebunden. Zudem erwartet sich Google eine intensivere technische Zusammenarbeit, um den Gesamtwerbekuchen zu vergrößern.

Der Deal ist ein Sieg für die Presse. Die erschütternde Tatsche ist nämlich, dass viele Medien ohne Google in der Online-Welt nicht kommer­ziell existieren könnten. Diese Abhängigkeit von einem Großunternehmen ist unangenehm und in einer kapitalistischen Wettbewerbswelt ungewöhnlich. Aber das Internet hat, wie umfassende Erhebungen in den USA beweisen, das traditionelle Geschäftsmodell von Print zerstört. Die Leserzahlen in den gedruckten Ausgaben schrumpfen seit Jahren, während in der Digitalwelt weder mit Werbung noch mit Abos viel Geld zu holen ist. Eine detaillierte Untersuchung bei einer US-Regionalzeitung hat zutage gebracht, dass regelmäßige Online-Leser nur vier Prozent ausmachen und für über 50 Prozent der monatlichen Page Views verantwortlich sind, während 75 Prozent der „digitalen Leserschaft“ bloß einmal im Monat vorbeistolpern. Zudem studiert ein guter Nutzer sein Blatt circa 30 Minuten täglich, während Online-Leser im Schnitt bloß drei Minuten verweilen. Dank der unterschiedlichen Nutzungsintensität haben sich die Seitenpreise bei gedruckten Medienprodukten trotz rapiden Leserschwunds erstaunlich gut ­halten können; logischerweise sind Werbe-­Impressionen im Web dann billig zu haben.

Die Online-Werbemodelle der meisten Medien funktionieren mehr schlecht als recht. Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Google und Nachrichtenproduzenten ist unumgänglich. Hier könnte der in Paris ausgeschnapste Kompromiss die (juristischen) Hürden in anderen europäischen Ländern verringern ...

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