Niemals vergessen
 

Niemals vergessen

Editorial von Dagmar Lang

Um 11.30 Uhr hatte ich Chefredakteur Sebastian Loudon angeboten, den Part des Editorials zu übernehmen. Japan natürlich, was sonst, 3.900 Zeichen bis 16 Uhr, das geht sich trotz Mittagstermin doch gut aus. Bei diesem dreht sich das Gespräch natürlich wieder nur um die apokalyptischen Zustände in Japan, um die bange Frage, was Japan im Besonderen und die Welt im Allgemeinen noch von der Atomkatastrophe in Fukushima zu befürchten hat.

Dazwischen kurzer Blick auf das iPhone und ORF.at, ob es irgendwelche Neuigkeiten gibt. Leider keine guten. So wie in den vergangenen sechs Tagen, in denen das Ausmaß der Katastrophe scheibenweise spürbar wurde. Sich da auf die alltägliche Routine zu konzentrieren, fällt – zumindest in Europa – vielen schwer. Mir selbst auch, wie ich merke, als der Bildschirm nach 15 Minuten noch immer leer ist.

In Japan, so hört man aus Agenturkreisen, werde ganz normal weitergearbeitet, während sich hierzulande an so manchem Schreibtisch die Sinnkrise – „Was mache ich da eigentlich?“ – breit macht. Wahrscheinlich doch eine Mentalitäts- und Kultursache. Oder auch eine der Medienberichterstattung? Während der ORF seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag, die Bevölkerung verständlich zu informieren, auf allen ihm zur Verfügung stehenden Kanälen (insbesondere auf ORF.at und auf Ö3) auf eindrucksvolle Weise in höchster journalistischer Qualität nachkommt und damit allen Kritikern zum Trotz einen nachhaltigen Beweis für seine Existenzberechtigung liefert, sollte man in Tagen wie diesen bunten Boulevardblättern lieber aus dem Weg gehen, wenn man noch halbwegs ruhig schlafen möchte.

Schlagzeilen wie „Die Wolke erreicht in 14 Tagen Österreich“ sind ebenso entbehrlich wie Fotos von eilenden japanischen Bankern, die gerade die „Massenflucht aus Tokio“ antreten. Kaffeesudlesen ist eine geradezu seriöse Wissenschaft im Vergleich mit den irren Thesen, was die jüngsten Ereignisse in Japan tatsächlich für die Weltwirtschaft bedeuten. Aber dennoch werden sie angestellt und können in ihrer apokalyptischen Lesart durchaus den Charakter einer selbsterfüllenden Prophezeiung haben. Tatsache ist, dass die Welt nach Fukushima eine andere werden müsste, obwohl die Erfahrungen aus Tschernobyl zeigen, dass die Menschen sehr schnell vergessen und sich allzu gerne weismachen lassen, dass man alte mit neuen Atomreaktoren nicht vergleichen kann.

Es mag ein wenig feministisch klingen, wenn ich dazu anmerke, dass der Ausstieg aus der Atomenergie erfolgt wäre, hätte es vor 25 Jahren mehr Frauen in Entscheidungsträgerfunktionen gegeben. Hätte man jahrzehntelang all das Geld und die Forschung in die ernsthafte Entwicklung neuer Energiequellen gesteckt, so gäbe es heute mit Sicherheit eine Alternative. Einer Menschheit, der es gelungen ist, in wenigen Jahren zuerst Mobiltelefone, dann Handys und jetzt sogar Smartphones zu entwickeln, mit denen man auf der ganzen Welt kommunizieren kann, der müsste es auch gelingen, eine Alternative zur kreuzgefährlichen und eben ganz offensichtlich in keiner Weise beherrschbaren Atomenergie zu finden. Selbst wenn in Fukushima neben der Naturkatastrophe auch menschliches Versagen im Spiel war, ist das kein Freibrief für die Nutzung der Atomkraft, da man ein solches niemals und nirgends auf der Welt ausschließen kann.

Die Tragik an der Geschichte ist wohl, dass der von vielen Seiten jetzt geforderte Ausstieg auf Knopfdruck nicht möglich ist, weil die Welt von der externen Energiezufuhr in einem atemberaubenden Ausmaß abhängig ist, wie gerade die Ereignisse in Japan gezeigt haben. Trotzdem muss es nach Fukushima einen Wendepunkt geben, in dem mit Vollgas nach Alternativen geforscht wird. Solange es kein Forschungsergebnis gibt, sollten wir es einfordern, wenn es sein muss, täglich. Den Medien auf der ganzen Welt kommt dabei eine spezielle Rolle zu: Sie müssen dafür sorgen, dass wir Fukushima niemals vergessen.

Dagmar Lang
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