Nichts sagen. Schweigen.
 

Nichts sagen. Schweigen.

#

Jenseits des HORIZONT

Österreich hatte bis vor Kurzem Bildungs- und Unterrichtsminister, die sich einmischten, kämpften, entschieden – und dennoch scheiterten: An Gewerkschaften, die ohne Fantasie, aber mit viel Taktik verteidigten, was nicht zu verteidigen ist, an einem immer noch ständisch orientierten hierarchischen System, an falsch verstandenem Förderalismus. Aber sie zeigten zumindest Mut: Erhard Busek, Elisabeth Gerer oder Claudia Schmied. Nun hört man nichts mehr: Gefolgsamkeit und Gehorsamkeit, kaum verhülltes Desinteresse. Nun fehlen Gelder, um Mieten für die Schulen – oder alternativ die Gehälter der Lehrer – zu bezahlen. Die BIG (Bundesimmobiliengesellschaft) muss stunden. In Wien gibt es zwar den Gratiskindergarten, aber man weiß nicht, wie viele Pädagogen man dazu benötigt, oder ob sie überhaupt vorhanden sind. „Wir wissen es nicht, aber es geht sich aus“, heißt es.

Österreichs Schulen sind infrastrukturell im Mittelalter: zu wenige IT-Anschlüsse, zu wenige Laptops, keine geeignete Räume für Lehrer. Sie müssen quasi zu Hause arbeiten: Korrigieren, Lehrstoffe vorbereiten. Jedes Arbeits­inspektorat müsste einschreiten. Wien lockte mit kommunal bezahlter, kostenloser Nachhilfe, gleichzeitig wurde der Förderunterricht gekürzt. Etikettenschwindel ist wohl der vornehmste Ausdruck dafür. Bei den jüngsten Personalvertretungswahlen haben die christlich-sozialen Lehrer in Wien die Sozialdemokraten nochmals deutlich hinter sich gelassen. Man hat es zur Kenntnis genommen. Wurschtigkeit ­allenthalben.

Auf Parteienebene wird von Bildungsgerechtigkeit und Chancen gesprochen, von Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Schule eignet sich als Metapher für Wahlkampfauseinandersetzungen. Gerechtigkeit wird mit Nivellierung nach unten gleichgesetzt. ­Geändert wird nichts: Etikettenstreit, systematisches Lehrer-Bashing, Weigerung, strukturelle Reformen anzugehen.
Die Pädagogen-Ausbildung ist hinter internationalen Standards: Und das Lehrerdienstrecht verhindert Stellenwettbewerb von Schulen und Lehrern mit. Dafür herrschen Überfachung und Überforderung. Schulen sollen Aufgaben übernehmen, die nicht ihre Kernkompetenz sind. Ferien und Öffnungszeiten haben sich nach den Wünschen der Tourismusindustrie und den Fahrplänen von ÖBB oder Postbus zu richten. Nicht nach Bedürfnissen der Kinder und Arbeitszeiten der Eltern.

Es gibt keine fundierte Lehrstoffdebatte. Seit Jahren wird von Entrümpelung gesprochen. Was entrümpelt werden soll, wird nicht thematisiert. Dafür werden Leistungs- und Motivationsanreize gesenkt, Durchfallen gibt es nicht. Weder für Schüler noch für Lehrer. Dafür steigt die Zahl der Schulabbrecher – beängstigender als anderswo. Diese Schulabbrecher scheinen nirgends auf – auch nicht in der Arbeitslosenstatistik.
Wenn Politik derartiges Desinteresse zeigt, zweifelt man am Bildungsverständnis dieser politischen Klasse. Oder an deren Bildung. Dass Kultur- und Medienpolitik ähnlich aussehen, mag nicht verwundern. Wo Bildung fehlt, fehlt auch Interesse an Information, Kritik und Aufklärung. Und zivile Kultur.
Nichts sagen. Durchtauchen. Geist verkümmern lassen. So sieht Bildungspolitik heute aus.

[Jenseits des HORIZONT]
stats