Neue Reportagen braucht das Land
 

Neue Reportagen braucht das Land

Kolumne von Walter Braun

Vergangenen Oktober verkündete ­Pierre Omidyar, der milliardenschwere Gründer von eBay, 250 Millionen Dollar in ein neues Medienprojekt investieren zu wollen. Der aufwendige Aufdeckungsjournalismus ist sein Anliegen. Ein reicher Philanthrop kann sich so ein Hobby schon leisten – obwohl Insider mutmaßen, dass Omidyar die gemeinnützig geführte Redaktion durch einen parallel laufenden Softwarearm (für Medien) finanzieren werde. Jedenfalls hat dieses Engagement abermals die Debatte um einen „neuen“ Journa­lismus aufflammen lassen. In den vergangenen Jahren drehten sich die Überlegungen hauptsächlich darum, wie alteingesessene Medien ihren Einbruch bei den Abo- und Werbeeinnahmen wettmachen könnten. Es gab aber immer auch Stimmen, die ihre Kritik nicht am Geschäftsmodell, sondern an der traditionellen Art der Berichterstattung ansetzten. Anlass der Beschwerden:

  • Zeitnot: Heutzutage sind Konsumenten einer derartigen Nachrichtenflut ausgesetzt, dass mehr News zu produzieren nicht die Antwort sein kann.
  • Technik: Wegen der vielen Möglichkeiten, digitale Geschichten zu empfangen, braucht es eine auf Handy/Tablet/PC et cetera zugeschnittene Berichterstattung und eine neue Art von Reporter, die auch mit Bild, Ton, Web-Statistiken und sozialen Medien umgehen kann.
  • Zusammenhänge: In einer zunehmend komplexen Welt machen vereinzelte Meldungen immer weniger Sinn, weshalb die Sehnsucht nach Hintergrunderklärungen wächst. Das Bedürfnis nach Sinnzusammenhängen erklärt wohl am ehesten den Aufstieg von (spezialisierten) Blogs und den Erfolg einer Kolumne wie „Die Gewissensfrage“ in der Süddeutschen Zeitung.


Gerade der letzte Punkt hat kürzlich einen jungen, prominenten US-Journalisten veranlasst, aus der Washington Post auszusteigen und ein eigenes Projekt zu starten. Ezra Klein beklagt an der traditionellen Berichterstattung, sie wäre zu sehr auf das Neue anstatt das Wichtige fokussiert. Stattdessen hat er eine Art „Enzyklopädie des 21. Jahrhunderts“ im Sinn.

Er will nichts weniger, als den Lesern helfen, die Welt besser zu verstehen. Da ist ihm absolut recht zu geben. Welche Möglichkeiten gäbe es hier? Komplizierte Sachverhalte wie der große Wall-Street-Schwindel mit den ungedeckten Hypothekarkrediten lassen sich am besten als erzählte Geschichten vermitteln, die über Tage oder Wochen aufgerollt und an verantwortlichen Persönlichkeiten festgemacht werden. Gerade in der politischen Landschaft wäre ein frisches Denken dringend gefragt. Parteienorientierter Journalismus hat eine krass verzerrende Wirkung, die bloß bestehende Vorurteile zementiert.

Für eine professionelle Redaktion stellt sich aber die Frage: Wer sonst als Redakteure entscheidet, was wichtig ist? „Neu“ ist einfach abzuhandeln, „wichtig“ verlangt dagegen eine Bewertung, die unmöglich neutral sein kann. Bin daher sehr neugierig auf das „Project X“ von Ezra Klein …

[Walter Braun]
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