Neue Kommunikationsweisen (2)
 

Neue Kommunikationsweisen (2)

Kolumne von Walter Braun

Mitten im Zeitalter der Kommunikation wagt keiner zu fragen, wie es um die Qualität des Austausches bestellt ist. Selbstbestätigungskonsum führt zu einem Heer von Ich-für-michs, die vor sich hin brabbeln. Bloggende Selbstdarsteller erinnern an Straßenprediger, die auf Vorbei­eilende einreden und ignoriert werden. Sind Twitteranten mehr als ­Nasenbohrer, die der Welt zeigen, was  sie zutage befördert haben? Und die endlosen geschäftlichen Meetings: ein Herumschieben von Sozial­masken. Derweilen wächst der Hunger nach echten Begegnungen mit tiefsinnigem Austausch.

Der in Oxford lehrende Philosoph und Historiker Theodore Zeldin hat Experimente mit über 2.000 Teilnehmern in einem Dutzend Ländern durchgeführt, wo völlig Fremde paarweise persönlich berührende Fragen debattierten. Der durchgehende Tenor war: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal ein so berührendes ­Gespräch hatte.
Ohne Kommunikation entwickelt sich das menschliche Gehirn schlecht. Kinder von Müttern, die ihr Gesicht den ganzen Tag in „Schlautelefonen“ vergraben, haben massive kognitive Defizite, wenn sie in den Kindergarten beziehungsweise die Volksschule kommen. Alleinstehende, die aufhören, sinnvolle Gespräche zu pflegen, verblöden im Laufe der Jahre.

Selbstdarsteller gieren danach, in ihrer Einzigartigkeit erkannt zu werden: Wem aber erweisen sie denselben Dienst? Eine Gesellschaft voller Narzisse stirbt nicht an der hemmungslosen Eitelkeit; sie geht an Selbstsucht ein, die für sich begehrt, was sie anderen verwehrt. Voneinander entfremdet, extrem wehleidig, zutiefst verunsichert – wer kann auf Dauer so leben, ohne zum psychologischen Problemfall zu werden?

Bevor das Internet zu einem ­totalen Sprachenbabel wird, wo Milliarden ziellos nebeneinander dahin­reden, braucht es eine Kommunikationsrevolution. Keine neue Technik, bloß elastische Herzen. Mal sehen, ob die Generation Y (Alter 16 bis 35) dies zustande bringt. Dringend gefragt wären offenherzige ­Dialoge von Angesicht zu Angesicht. Sozialmedien können nie die Tiefe und Intimität von echten Gesprächen ersetzen. Fürchtet sich die ­Generation Y, ihre Online-Masken sausen zu lassen? Die Technik offeriert massenhaft Abhilfe in Form von Gefühle-messenden Apps, Online-Pornographie und Sexrobotern – damit ja kein Kontakt mit Echtmenschen mehr notwendig ist. Was ist so ­furchterregend daran?

Wir brauchen nicht Therapien, ideologische Flüstertüten oder ­kollektive Krankschreibung; anspruchsvolle Auseinandersetzungen würden genügen. Im Grunde geht es darum, anstatt der Nabelschau („Wer bin ich?“), einmal die Frage umzudrehen: „Wer bist du?“ Wir (warum nicht die Kommunikationsbranche!?) sollten strukturierte Konversationen organisieren, wo sich niemand hinter einem Handy versteckt und jeder die ­muffige Seele öffnet. Wunder könnten ­geschehen …

Lesetipp: The Hidden Pleasures of Life, von Theodore Zeldin, 2015

[Walter Braun
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