Nachrichtenmeer oder Seelenentblößung?
 

Nachrichtenmeer oder Seelenentblößung?

Kolumne von Walter Braun

Das grundlegende Problem: Verbraucher von heute sind gefräßig. All die jungen Bürger da draußen erwarten, Kreativprodukte gratis zu erhalten (während sie ihr Haushaltsbudget bereits anderweitig verplant haben). Ist der Gratis-Rubikon einmal überschritten, gibt es keinen einfachen Weg zurück.
Es scheint der Fall zu sein, dass das Produkt Nachrichten nicht länger profitabel produzierbar ist, da zu Wenige den vollen Preis bezahlen. Was sollen Medien tun? Die Zeit des hemmungslosen Werbung-ins-Net-Kübelns geht wohl zu Ende. Man kann akzeptieren, dass sich die riesigen Sozialplattformen zwischen Produzenten und Endabnehmer geschoben haben – aber sich auf Facebook & Co als Absatzkanäle zu verlassen, endet leicht in Abhängigkeit.

Abgesehen vom Versuch, bestehende Kundenkontakte als Ein­zelhändler zu monetisieren (siehe Kommentar „Auf den Handel gekommen“), gäbe es andere Möglichkeit in Form spezifischer Dienstleistungen: eine echt personalisierte Nachrichtenvorauswahl zu offerieren. Was in dieser Richtung bisher angeboten wurde, etwa Apples digitaler Assistent Siri, ist untauglich. Eine intelligente Auswahl verlangt künstliche Intelligenz. Und die, so dachte man, wäre noch in weiter Ferne. Doch gerade eben ist etwas Einschneidendes passiert: Ein lernfähiges Rechenverfahren hat den besten Go-Spieler der Welt besiegt. (Mehr dazu im freitäglichen HORIZONT-Blog „Walter’s Weekly“).
Solche Software wäre in der Lage, im uferlosen Meer der Informationen, persönlich relevante Nachrichteninseln zu orten. Bisherige Versuche der Individualisierung von Nachrichtenzustellung taugen entweder nichts (weil sie bloß mit Durchschnittswerten arbeiten und mit Individuen nicht umgehen können), oder sie scheitern an der Bequemlichkeit: Niemand unterzieht sich der Mühe, lange Präferenzlisten auszufüllen – was ohnehin von begrenztem Wert ist, da unsere Bedürfnisse sich evolutionär entwickeln. Ich könnte etwa an den Präsidentschafts-Vorausscheidungen in den USA bisher Null Interesse gehabt haben, aber plötzlich brennend an den „Primaries“ interessiert sein, seit ­Donald Trump Chancen hat, der nächste Präsident zu werden.

Lernfähige Programme versuchen das Umfeld, auf das sie eingerichtet sind, zu erfassen. Künstliche Intelligenz findet Strukturen im Nachrichtenmeer und kann weitaus präziser als bisher Empfehlungen an Nachrichtenkonsumenten abgeben. Genau dort ist das Geld: Wenn ein Leser sich von einer Geschichte zur nächsten Empfehlung weiterhantelt, bleibt er dran, ist engagiert und deshalb wertvoll für die Werbung.

Allerdings verlangt automatisierte Personalisierung Zugang zu persönlichen Daten. Von Digitalbürgern Zustimmung einzuholen, klingt herzerwärmend ehrlich; Tatsache ist aber, dass wir keine Ahnung haben, was Datenjäger von uns gespeichert ­haben. Diese Infos mit künstlicher Intelligenz zu kreuzen, ist gruselig. Wer passt hier auf?

[Walter Braun
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