Nachrichten wie ranzige Paranüsse
 

Nachrichten wie ranzige Paranüsse

Kolumne von Walter Braun

Eigentlich schmecken mir Paranüsse. Bloß werden sie schnell ranzig, so wie abgestandene Nachrichten. Die sind aber billig zu erhalten – man braucht sie bloß im Web einzusammeln. Zu Geld macht man den Müll folgendermaßen: (a) Man schaut bei Google-Trends, welche Themen oder Schlagworte gerade im Internet zirkulieren. Dann (b) schustert man einen Artikel zusammen, der bloß ein paar unwichtige Fakten aufzählt. Um die vermeintliche Attraktivität zu erhöhen, (c) knallt man eine dramatische Zahl in die Überschrift: „Die 15 schönsten Frauen der Welt“, „10 Diäten, die funktionieren“, „21 Tipps, die ihn im Bett wild machen“. Die Zahlen sind ­natürlich frei erfunden. Das Ganze nennt sich Listicle = Liste + Artikel.

Man könnte das Phänomen schlicht ignorieren, käme nicht aus den USA die Nachricht, dass Verlage dazu übergehen, Journalisten nach Klicks zu bezahlen. Sogar eine Plattform wie thestreet.com, die über den Aktienmarkt berichtet, plant, neuen Berichterstattern 50 Dollar für 60.000 Pageviews pro Woche zu offerieren. Um als freier Schreiberling überleben zu können, müsste man rund drei Millionen Pageviews pro Monat generieren. Wäre da nicht die Versuchung groß, jeden Artikel über Apple etwa so zu betiteln: „Giftiger Apfel?“, „Zu viel abgebissen?“, „Fallobst!“. Selbst wenn die Finanzaufsicht nicht einschreitet, muss man eine derartige Stimmungsmache rundweg verurteilen. Das ist nicht Journalismus, sondern üble Marktschreierei, um Neugierige – und mit ihnen ­Werbetreibende – anzulocken. Tatsache ist zudem, dass bis zu ein Drittel der Klicks von Bots kommt.

Trotzdem sehen manche Kommentatoren diese Entwicklung positiv, mit dem Argument, dass nun Leser endlich bekommen würden, wonach sie gieren. Da gibt es einen anspruchsvollen Schachblog, der regelmäßig nackte Busen und Hintern einschiebt. Eine andere Technik besteht darin, wie die Website Business Insider Storys in eine Art Diashow zu filetieren, sodass Leser ständig klicken müssen. Auf diese Weise wird die Seite neu geladen, und man verkauft Werbetreibenden Leistungszahlen, die ich nicht unbesehen schlucken würde. Letztlich motiviert so ein System Schreiber, zu „Traffic-Huren“ zu werden. Gewinnen Leser wirklich, wenn in jedem Artikel Gruppensexfotos auftauchen?
Wenn man Leistungskomponenten in die Journalistenvergütung einfügt, sollte man wenigsten intelligent herangehen.

Gawker Media hat für neue ­Beitragslieferanten eigene Plattformen, ­angehängt an die Hauptmedien, eingerichtet. Die Freien erhalten ein Monatsstipendium, das sie je nach Klickerfolg zurückzahlen müssen, aber dann für den Erfolg entlohnt werden. Ferner sollte man statt bloßer Klicks Lesertreue und Leserengagement messen. Die Werbewirtschaft könnte viel dazu beitragen, den Abstieg in die Klickhölle zu vermeiden, wenn sie statt großer Verkehrs­zahlen mehr qualitative Werte von den Medien verlangen würde …

[Walter Braun]
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