Nachhaltig am Touchpoint abgeholt?
 

Nachhaltig am Touchpoint abgeholt?

Kommentar von Clemens Coudenhove

„‚Politisch‘ sprechen Politiker, wenn sie nichts sagen wollen oder können, also fast immer. Man kann es erlernen, wenn man Deutsch so lange verdreht, bis es völlig sinnfrei wirkt. Von dort zur Politikerverdrossenheit ist es nur ein leeres Wahlversprechen“, ließ Karl Fluch, normalerweise schwer zu begeisternder Musikkritiker desStandard, in einem Kommentar („Fremdsprache Politisch“) als Reaktion auf Josef Ostermayers Auftritt in der „ZiB 2“ vom 19. Oktober seinen Frust heraus. Und fasste in Worte, was sich wahrscheinlich viele Zuseher dieses eigenartigen Interviews, wacker zu führen versucht von Armin Wolf, gedacht hatten. 

So nichtssagend, wie in der Politik kommuniziert wird, geht es in Marketing und Werbung zwar nicht zu, dennoch macht sich in diesem Geschäft zusehends rhetorische Faulheit breit. Beispiele dafür gibt es diesbezüglich en masse: ‚Nachhaltig‘ etwa ersetzt ‚langfristig‘ (als ob irgendwelche Marketing-Maßnahmen heute noch auf Kurzfristigkeit aus wären), und ‚verantwortungsvoll‘ darf natürlich auch nicht fehlen. Marketer und Werber sprechen außerdem über Social Media („Facebook, Twitter & Co. …“), als wäre Markenkommunikation dort die natürlichste Sache der Welt. Und die nötigen Social-Media-affinen Mitarbeiter würden sich da die tollsten Dinge ausdenken. Als wären soziale Netzwerke heutzutage eine der wenigen Möglichkeiten, junge Zielgruppen anzusprechen. Diese – Achtung, Neudeutsch – „Touchpoints“ müssten genutzt werden, um das Zielpublikum ebendort – nicht anzusprechen oder zu begeistern, sondern –„abzuholen“. Dass Marketer dieses „Abholen“ immer öfter ins Gespräch oder in die Aussendung werfen, grenzt an Bequemlichkeit. Wann hat mich eine Marke, eine Kampagne das letzte Mal an einem bestimmten Touchpoint im Netz abgeholt? Keine Ahnung. Zumindest nicht auf Facebook. 

Warum ich dort noch registriert bin? Weil es die ideale Plattform ist, mit Freunden von früher oder solchen, die weit weg wohnen, in Kontakt zu bleiben, und zwar möglichst einfach. Und wenn ich zwei- bis drei Mal pro Woche dort nach Neuigkeiten suche, reicht mir das dann auch. Von Marken-Kampagnen habe ich auf Facebook noch nicht viel entdeckt. Und wenn ich meine Freunde befrage, ob sie sich schon mal mit Marken auf Facebook im Dialog ausgetauscht hätten, ist die Antwort immer die Gleiche: Nein. Bin ich einfach zu alt für Kampagnen auf Facebook? Haben die jüngeren „Digital Natives“ tatsächlich mehr Lust, sich auf diversen Plattformen mit und über Brands auszutauschen? Wo will ich denn überhaupt von einer Marke abgeholt werden? Ich denk mal darüber nach …
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