Moralökonomie?
 

Moralökonomie?

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Jenseits des HORIZONT

„Der Leitgedanke der Moralökonomie ist, dass hinter moralischen Motiven sich grundsätzlich ökonomische ­Motive verbergen: solche, die der ­ökonomischen Koordination der Gesellschaft dienen. Sowie solche, die Ausfluss von puren eigenen Interessen sind. Moral ist ein Kostensenkungsprogramm. Moral lohnt sich“, schrieb Schriftsteller, Techniker und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler im analytischen Vergleich von Thomas Middelhoff und dessen literarischer Widerspiegelung „Johann Holtrop“ im Roman von Reinhard Görtz.
Händler trifft damit auf einen Kernwiderspruch der marktwirtschaft­lichen Gesellschaft. Moral und ­Demokratie werden zum Alibi, ja zur pervertierten Rechtfertigung für Ungerechtigkeit, Eigennutz, Profitmaximierung. Moral ist nicht, dass man die Umwelt schönt, Moral heißt, dass man die Transportkosten senkt und dabei mehr verdient. Moralisch ist, mit möglichst geringen Ressourcen zu arbeiten. Moral ist, wenn man als Medium, statt selbst zu recherchieren, die Arbeit schlecht bezahlten Dritten überlässt oder von Google absaugt. Moral ist Erfolg als Konsequenz von Effizienz.
Das ist so, wie Angela Merkel von marktkonformer Demokratie spricht. Zuerst Markt, dann demokratische Beschlüsse, zuerst Machtaustarierung, dann Vollzug im Parlament, das zur Bestätigungsmaschinerie wird.

Vielleicht sind das Grundwurzeln für sinkendes Politinteresse. Ausweichen auf Shitstorms und Wutaktionen. Mikroerfolge auf Nebenschauplätzen als moralisches „Danke“ eines Systems? Opium für die Widerständler? Kapitalismus, argumentiert Händler, könne per se keine Moral haben, weil er amoralisch ist. Aber er hat die Moral als probates Mittel zu seiner Stärkung entdeckt: Nachhaltigkeit, Ethik.

Ethisches Wirtschaften hat wenig mit Ethik zu tun, sondern ist Metapher für Ertragssteigerung. Nachhaltigkeit ist Floskel. Neue Geschäftsfelder können so besser legitimiert werden: E-Mobilität ist nicht umweltschonender, als konventionelle, aber „smarter“. Und wird auch sinnloserweise gefördert. Energiesparen mit gezielten Mitteln ist noch immer günstiger und umweltschonender als der Umstieg auf Wind- oder Sonnenenergie: Mehr Profit macht man allerdings mit Windturbinen und garantiertem Strompreis.
Moral wird zum Maßstab für Leistung dafür, dass gut, ethisch und moralisch ist, was dem Markt nutzt. Fitness oder Schönheit werden zu den Insignien von moralischen Menschen.Anstand – lächerlich. Relikt eines bourgeoisen Zeitalters. Die neue ­Moral heißt Effizienz.

Medien haben digitale Transfererlöse entdeckt. Um zu überleben. Burda vertreibt Katzenfutter, um damit Focus zu legitimieren. Focus ist mittlerweile eine boulevardeske Gazette geworden, die sich schwer tut, sich am Markt durchzusetzen. Onlinemedien messen die Qualität von Mitarbeitern an den Klicks auf ihre Artikel. Wer den Klick-Kampf verliert, verdient weniger – und irgendwann nichts. Nachhaltigkeit a la Huffington Post.

Moral hat durch den Wettbewerb eine neue Interpretation erhalten, ist Tochter der messbaren Leistung. Und kommt nicht, wie bei Brecht, nach Fressen und Saufen – das ist ja mittlerweile unmoralisch, weil leistungshemmend.

[Jenseits des HORIZONT]
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