Möchten Sie gerne ein Maschinist sein?
 

Möchten Sie gerne ein Maschinist sein?

Kommentar von Walter Braun

Jüngst gab es einige Aufregung in England rund um richterliche Verfügungen, die Personen im Rampenlicht der Medien vor der Verfolgung selbiger schützen sollen. Konkret ging es um die geplante Veröffentlichung von ehelichen Fehltritten Prominenter. Die Medien schimpften lauthals, hielten sich aber an das Verbot … bis plötzlich via Twitter eine Reihe von Namen (falsche und richtige) genannt wurde. Tobte der oberste Richter: „Die Technik ist total außer Kontrolle.“ An dem Vorwurf ist was dran, auch wenn es hier nur darum ging, dass das Internet jenseits von Kontrolle ist.

In einem brillanten, neuen BBC-Dokumentarfilm mit dem Titel „All Watched Over by Machines of Loving Grace“ prüft der „Videophilosoph“ Adam Curtis, was passiert, wenn potenziell weltverändernde Ideen auf das Chaos des menschlichen Lebens treffen. Curtis hat diese These bereits aus mehreren Blickwinkeln analysiert; 2002 in derpreisgekrönten Dokumentarserie „The Century ofthe Self“, wo er untersuchte, inwieweit Freuds Einsichten von Politik, Wirtschaft und PR missbraucht werden, um „Zustimmung zu fabrizieren“ und künstliche Wünsche zu wecken, die den Anvisierten als echte Bedürfnisse erscheinen.

Der Konjunktureinbruch 2007 geht ebenfalls auf mächtige Ideen zurück: zum einen auf Thesen der ziemlich rechts stehenden US-Liberalisten– nämlich, dass Regierungen überflüssig sind und ein möglichst unregulierter Markt alle menschlichen Angelegenheiten regeln sollte. Leider war Ex-US-Notenbankchef Alan Greenspan ein Anhänger der kindischen Philosophie und damit ein Verantwortlicher des jüngsten Wirtschaftskrachs. Die anderen Väter sitzen in Kalifornien – Erfinder und Visionäre, die ihre Religion gegen Technologiegläubigkeit eingetauscht haben (der Titel des jüngsten Buches von Wired-Gründer Kevin Kelly sagt alles: What Technology Wants – als würde sich Wissen von selbst reproduzieren und als wäre die Technik ein Gott, dem wir uns zu unterwerfen hätten).

Dazu kommt ein dritter Zeitungeist, der Neo-Darwinismus mit seiner destruktiven Botschaft: Nichts was Menschen schaffen, hat irgendeine Bedeutung neben der Erhaltung der Art. Freier Wille sei bloß eine Illusion. Pausenlos wird uns eingehämmert, dass wir eigentlich machtlos wären. Das erklärt auch, warum der Status „Opfer“ so begehrt ist und warum jede moralische Schwäche zur „Krankheit“ bzw. „Störung“ umdefiniert wird.

Diese drei Denkrichtungen hatten eine fatale Auswirkung: Sie flüsterten der Politik die Idee ein, komplexe Gesellschaften ließen sich bis ins Detail managen. Nun sind wir von immer mehr Gesetzen, Verordnungen, Bürokratie und Überwachungstechnologie umzingelt. Gleichzeitig explodieren die Ängste. Wir haben nach und nach Macht an Maschinen und Netzwerke abgegeben, in der Hoffnung, dass sie … was erreichen? Uns gefügiger (und natürlich produktiver) machen?

Nach langen und blutigen Kämpfen sind wir Faschismus und Kommunismus losgeworden – nur um uns wohlig einem Maschinismus zu unterwerfen?

Walter Braun
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