Mit der Realität leben lernen
 

Mit der Realität leben lernen

Editorial von Sebastian Loudon

"So etwas hat es in Österreich bisher nicht gegeben, und so war es auch nicht ausgemacht." Es ist dieser Satz von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz (Interview Seite 2), der alles auf den Punkt bringt, der die vom ORF ausgeteilten Untergriffe zwar nachvollziehbar macht, aber in keiner Weise entschuldigt. Ja, so etwas hat es tatsächlich noch nie gegeben. Mit der bislang letzten Novelle des ORF-Gesetzes bekam der ORF die KommAustria als umfassende Aufsichtsbehörde vor die Nase gesetzt. Eine Behörde, die auch für die Einhaltung des öffentlich-rechtlichen Auftrages zuständig ist. Nach einer Beschwerde von Mitbewerbern war sie gezwungen (!), sich dieser Angelegenheit zu widmen. Wer die Menschen in der KommAustria und der RTR kennt, der weiß, dass sie sich um diese Aufgabe wohl nicht gerissen haben. Nicht etwa aus Desinteresse, sondern weil ihnen von Anfang an klar gewesen sein dürfte, dass die Entscheidung, ob das ORF-Fernsehen gesetzeskonform ausgerichtet ist, auf der Basis eines schwammigen Gesetzes und nur mit angreifbaren Methoden zu treffen sein wird. Und so kam es auch, denn die Zuordnung von Sendungsinhalten in einzelne Kategorien ist eine sehr schwierige und stets leidenschaftlich zu diskutierende Entscheidung. Natürlich ist „Braunschlag“ nicht nur Unterhaltung, sondern auch Kultur. Auf der anderen Seite: Ist eine Operetten-Übertragung nicht auch Unterhaltung – für manche zumindest? Der Behörde aus diesem Dilemma heraus „Sekundenfetischismus“ vorzuwerfen, wie es unser Anonymus-Kolumnist (siehe rechts) tut, greift eindeutig zu kurz. Das Gesetz sieht Kategorien vor, die differenziert vorkommen müssen. Die Kommunikationswissenschaft kennt Zuordnungsmodelle, die für eine solche Kategorisierung verwendet werden. Auf nichts anderes konnten sich die Juristen bei diesem Verfahren stützen.

Dass sich das ORF-Programm über weite Strecken an jenem der Privatsender orientiert, ist offenbar. Das weiß jeder Zuschauer, und in der Regel weiß er es auch zu schätzen. Und das wissen auch die ORF-Programmmacher selbst, und sie arbeiten daran, es zu ändern, mit mehr Eigenproduktionen und mehr Information. Der Bescheid der KommAustria beurteilt also die Vergangenheit, und es liegt in der Hand des ORF, solche gewiss schmerzhaften Urteile in der Zukunft zu vermeiden. Verstörend wirkt jedoch die untergriffige Art, mit der das ORF-Management auf die handelnden Personen losgeht. RTR-Chef Alfred Grinschgl plötzlich als Privatsenderlobbyisten auf einem lang geplanten ORF-Vernichtungsfeldzug hinzustellen ist unter der Würde aller Beteiligten und schreit eigentlich nach einer Auflistung all jener Fördermittel, die der ORF direkt aus dem Digitalisierungsfonds und indirekt aus dem Fernsehfonds der RTR und somit quasi aus den Händen des vermeintlichen ORF-Terminators Grinschgl entgegennahm.

Nein, so etwas hat es noch nie gegeben, da hat Alexander Wrabetz schon recht. Was den zweiten Teil des Satzes betrifft, lässt sich das schwer sagen: Was soll das denn heißen: „So war es nie ausgemacht“? Es kann eigentlich nur bedeuten, dass der ORF noch nicht wirklich verinnerlicht hat, dass er nun eine unabhängige Aufsichtsbehörde hat, und dass deren Wesenszweck nicht darin besteht, den ORF zu schützen und bei unliebsamen Verfahren Persilscheine auszustellen. Die KommAustria gehört zur neuen Lebenswelt des ORF, und sein Management täte gut daran, mit ihr leben zu lernen – und, wenn’s leicht geht, ohne persönliche Verunglimpfungen.
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