Medien versagen zweifach (2)
 

Medien versagen zweifach (2)

Kolumne von Walter Braun

Microsoft & Co. waren einst weit von den Niederungen der Politik entfernt – jetzt mischen sie sich ein. Die Digitalriesen wollen nicht nur die Wirtschaft, sondern plötzlich auch die Gesellschaft entlang ihrer Visionen neu ausrichten. Google-Vorstandschef Eric Schmidt hat zugegeben, dieses Verlangen hätte bereits religiöse Ausmaße erreicht – was den evangelischen Eifer erklären mag, mit dem ­Silicon Valley die neue Welt erzwingen will. Auf welche Weise? Indem sie den Diskurs dominieren.

Die einflussreichen Valley-Typen drängen auf eine postindustrielle Wirtschaft, in der konjunkturelles Wachstum von den glamourösen ­Medien-, Unterhaltungs-, Finanz- und Softwarebranchen kommt, während handfeste Industriesektoren verkümmern oder ausgelagert werden. Nicht die Landwirtschaft oder die Ölindustrie besitzen heute das größte politische Gewicht; es ist neben dem ­Finanzsektor die Digitalwirtschaft, die zu extremer Konzentration neigt und unvorstellbaren Reichtum in wenigen Konzernen/Händen sammelt. Die Folge ist nicht bloß eine zweigeteilte Wirtschaft, sondern auch eine zweigeteilte Gesellschaft. Oder ist es bloß ­Zufall, dass gerade in Kalifornien fast ein Viertel(!) der Bevölkerung – der höchste Prozentsatz aller US-Bundesstaaten – in Armut lebt?

Macht braucht Zugang zur veröffentlichten Meinung. Die Digitalpriesterschaft kann ihre Visionen einer neuen Welt am einfachsten umsetzen, indem sie Plattformen zwischen Verlage und Leser schiebt. Die größten Nachrichten-Sites in den USA sind fest in der Hand der Digitalbarone: Yahoo liegt mit 110 Millionen Besuchern im Monat an erster Stelle, Google an zweiter und Facebook (Nummer vier) nicht weit dahinter. Selbst Sozialdrehschleudern wie Twitter und Snapchat investieren in Nachrichten.
Auch die Unterhaltungskultur ­haben Apple, YouTube, Netflix und Amazon im Visier. Den digitalen Vertrieb kontrollieren sie bereits; nun engagieren sie sich mit Hilfe ihrer steuerschonend angehäuften Milliardenprofite auch in der Produktion kreativer Inhalte.

Entfalten sich diese Trends ungebremst, ist die vertraute Medienlandschaft in zwei, drei Jahrzehnten ein Fall fürs Geschichtsbuch. Oldies (Menschen über 50) holen sich zu 85 Prozent ihre Nachrichten aus traditionellen Kanälen. Die Jungen (unter 30) zu 65 Prozent aus dem Internet. Das sind US-Zahlen, aber in Europa sieht es nicht anders aus. Schreiber im Solde der Tech-Titanen jubeln, die Nachrichtenmedien hätten eine größere Reichweite denn je, verschweigen aber, dass sie in der Digitalwelt ihre Kundschaft nicht länger „besitzen“. Was bedeutet, dass Medien ihre überlebenswichtigen Werbeeinkommen langfristig zu verlieren drohen.
Staatstragende Medien in den Händen einer politisierten Hightech-Oligarchie klingt nicht gut – für die Gesundheit der Demokratie wären starke, unabhängige Verlage zweifelsohne besser.

[Walter Braun
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